Wie das Wachstum in unser Denken kam

Ende dieses Debattenblogs. Doch ein erster Schritt ist getan.

24. September 2011, von

Das Debattenblog „Immer Mehr?!“ lief einen Sommer lang und versammelte junge, kritische Gedanken zu den Thesen Harald Welzers und zur wieder aufgeflammten Wachstumsdiskussion. Planmäßig werden keine neuen Beiträge erscheinen und die Kommentarfunktion wird abgeschaltet. Doch der Streit über die angesprochenen Fragen geht weiter. Er wurde durch Publikationen (z.B. von Tim Jackson, Harald Welzer), den Attac-Kongress und die vielen neuen Foren des Gedankenaustausches – von der Enquêtekommission des Deutschen Bundestages bis hin zu diesem kleinen Blog – beflügelt und bereichert.
„Immer mehr?!“ schaffte es dabei als m.E. einzige Plattform, dezidiert junge Stimmen zum Thema Wachstum und Lebensstile zu versammeln. Es war sinnvoll, die Debatte am Beitrag Harald Welzers aufzuziehen, bietet er doch ein Verständnis für die Fragen vieler Jugendlicher: warum sind sie und die Welt um sie herum trotz besseren Wissens so sehr auf Akkumulation ausgelegt ist. (more…)

Sebastian Werner: Anpassung und Überleben

13. September 2011, von

Betrachtet man die Natur, so stellt man relativ schnell fest, dass alle Lebensformen in Einklang mit ihrer Umgebung leben. Der Mensch tut dies nicht.
Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen an die sie umgebenden Bedingungen angepasst, um überleben zu können bzw. „gut“ überleben zu können. Der Nebeneffekt dieser Anpassung ist, dass sich alles im Gleichgewicht befindet und jedes Tier und jede Pflanze eine „Funktion“ erfüllt und für das „Überleben“ des „Organismus Natur“ sorgt. Zentrale Punkte in der Natur sind somit Anpassung und Überleben.
Betrachtet man uns Menschen (in dem begrenztem Maße, wie das bei einer retrospektiven Betrachtung möglich ist), so fallen wir aus dem Rahmen. Ob wir nun angepasst an unsere Umwelt leben, darüber ließe sich wohl eine lange Debatte führen. Ich denke, wir tun es nicht. (more…)

Kritik an Welzer: Ohne Politik geht auch nix!

27. Juli 2011, von

Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)

Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)

Das Essay von Harald Welzer erntete beim Attac-Kongress viel Applaus, auch dafür, dass es „die Politik“ als unzureichend und fehlgeleitet in eine Ecke abschob und mit dem Aufruf zu „jetzt mal Kultur!“ bei vielen linken Seelen die Hoffnung auf eine neue umfassende Strategie zu erwecken schien. So richtig der Ansatz von Welzer ist, die kulturelle Komponente des Wachstumsdilemmas anzugehen, so kritisch finde ich sein dahinter liegendes Politikverständnis. Gerade in einer Demokratie ist Politik immer etwas, das von allen gestaltet wird und nicht eine Sphäre irgendwo da draußen ist.

Das Missverständnis wird gleich zu Beginn des Textes festgeschrieben. (more…)

Lukas Rantzau: Bericht vom Attac Kongress

28. Juni 2011, von

Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)

Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)

Vom 20.-22. Mai 2010 fand in Berlin ein großer Kongress zur Wachstumsfrage statt. Diesen hat Attac in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und weiteren politischen Stiftungen (RLS, FES, OBS) organisiert. Wir schickten einige unserer Stipendiat_innen dahin. Hier ein Bericht:

Der von Attac organisierte Kongress unter dem Titel „Jenseits des Wachstums?!“ zog am vergangenen Wochenende vom 20. bis zum 22. Mai zahlreiche Interessierte an die TU Berlin. Die Organisatoren hatten mit etwa 1500 Teilnehmern gerechnet. Am Ende kamen Schätzungen zu Folge 2500 Menschen – obwohl zeitgleich an der Humboldt Universität ein Marx-Kongress stattfand. So war wohl nur das Programmheft noch voller, als die Hörsäle der Universität an der Straße des 17. Juni. (more…)

Mareike R.: Die Transformation vor meinem Fenster

14. Juni 2011, von

Nun, ich schau die ganze Welt mit meinen eigenen Augen an!

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Stadt …. „Nein!“ schreit das Mädchen mit dem knall blau-gepunkteten Shirt, „Ich bin jetzt dran“. Direkt vor meinen Füßen spielen Kinder Hüpfekästchen, alte Frauen schauen ihnen zu und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Blick schweift nach links, ein junger Mann gräbt mit einer Schaufel seinen Garten um, er pfeift: „Ich war noch niemals in New York, Ich war noch niemals auf Hawaii…“. Seit kurzem verkauft er sein selbst-angebautes Gemüse. Von links dringt Saxophonmusik an meine Ohren, dass vor ein paar Jahren stillgelegte Schwimmbad füllt sich mit neuem Leben, der junge Musiker aus Amsterdam probt für seinen Auftritt. Paula eine junge Ingenieurin werkelt an ihren energieeffizienten Dämmstoffen.

Doch was ist dass? (more…)

Max Pichl: Die Revolutionierung des Subjekts

24. Mai 2011, von

Maximilian PichlDer Beitrag „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer liefert eine ungewöhnlich innovative Perspektive auf die laufende Wachstumsdebatte. Der politische und mediale Mainstream diskutiert die Frage des Wachstums praktisch ausschließlich auf einer technischen Ebene, sprich: welche Technologien müssen eingesetzt werden, um die Energieerzeugung nachhaltiger zu gestalten; wie muss die Politik sich verändern, um das Ziel einer postcarbonen Gesellschaft zu erreichen usw. Welzer wendet sich direkt den Subjekten zu. „Nichts ist niemals fertig, die Arbeit hört niemals auf“ – dieser Satz aus Welzers Essay scheint paradigmatisch für die kapitalistische Gesellschaft zu sein. Kein Wunder, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in der Vergangenheit immer wieder im Zuge von Streiks die Stechuhren zerstörten, sozusagen das Symbol der Kontrolle in der kapitalistischen Produktionsweise. Welzers Essay scheint eine übergeordnete Fragestellung zu beschäftigen: warum vollziehen sich politische Veränderungen in der aktuellen Gesellschaftsformation so schleppend langsam oder kommen erst gar nicht zur Entfaltung? Warum halten die Menschen scheinbar freiwillig an einem offensichtlich gescheiterten Wachstumsparadigma fest? (more…)

Hannes Böhm: Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!

17. Mai 2011, von

Hannes Böhm

Ich bin VWL-Student. VWL, das steht für Volkswirtschaftslehre. Doch ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht mehr um das „Volk“ geht. Noch niemand konnte mir eigentlich erklären, was das Volk überhaupt will. Bei VWL kann das aber berechnet werden:

„Zeigen Sie anhand eines Diagramms für den Arbeitsmarkt, wie sich die Einführung von einem gesetzlich fixierten Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, auf die Beschäftigung auswirkt.“

Griff zum Geodreieck. Beschäftigung als x-Achse zeichnen, Lohnsatz als y. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage treffen sich ohne Mindestlohn bei etwa 6€.  Jetzt der Mindestlohn. Durch einen höheren Lohnsatz liegt jetzt mehr Arbeitsnachfrage als Arbeitsangebot vor. Die Arbeitslosigkeit steigt.  (more…)

Hannah Hüdepohl: Wachstum als Lebensprinzip?

11. Mai 2011, von

Hannah Hüdepohl

Oft musste ich während des Lesens ungläubig schmunzeln über den fehlenden Realitätsbezug des Individuums in Raum und Zeit. Wie selbstverständlich all die Dinge hingenommen werden, die vor drei Generationen noch gar nicht denkbar waren. Schaue ich mir Fotos von Städten am Anfang des 20. Jahrhunderts an, frage ich mich immer, was mir dort so fremd erscheint? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Es gab mehr Platz auf den Straßen, weil die parkenden Autos fehlten!

Widersprüche des Wachstumsgedankens zeigen sich in allen Regionen der Welt, sei es durch leer stehende Hotelburgen an der spanischen Küste, den Transport von Hühnerbeinen aus Deutschland nach Kamerun oder die langwierigen Versuche das Loch im Golf von Mexiko zu stopfen. Der/Die BürgerIn kommt nicht umhin diese Nachrichten wahrzunehmen und geht dennoch Kaffee mit einem Schuss Karamellsirup trinken. Ist der intensive Geschmack einer sanft gerösteten Kaffeebohne nicht gut genug? (more…)

David Rinnert: (Selbst-)Zweifel eines Studenten

9. Mai 2011, von

David Rinnert

[D]as Selbst wird zu einer kontinuierlichen Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen (…). Jede Station in der Gegenwart ist immer schon putative Durchgangsstation für etwas, was danach kommt. In der Gegenwart ist man daher nicht da, sondern nur auf der Durchreise.”

Während ich diese Zeilen aus Harald Welzers Essay lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Schon zu Beginn des Aufsatzes fühle ich mich direkt angesprochen, sogar ertappt. Viele Bilder aus dem Essay kenne ich aus meinem eigenen Leben, obwohl ich doch eigentlich ein wachstumskritischer Mensch bin, jemand der für eine postkarbone Gesellschaft eintritt. Bin ich doch, oder?! (more…)

Gesine Agena: Wir sind doch die, von denen ihr „die Erde nur geborgt“ habt!

6. Mai 2011, von

Sprecherin der GRÜNEN JUGEND

Es ist kein Wunder, dass der Wachstumswahn nicht nur das wirtschaftliche Denken und fast alle politischen Parteiprogramme durchzieht, sondern sich ebenfalls als Paradigma in unserem Denken festgesetzt hat. Schon von Beginn an werden wir mit ihm erzogen und wachsen in einer Gesellschaft auf, in der immer noch das Motto „höher, schneller, weiter“ gilt. Die Verwertungslogik ist allgegenwertig, ganz egal, ob man sich die Schulen oder die Universitäten anschaut. Überall werden Jugendliche dazu angehalten, sich möglichst schnell bestimmtes Wissen anzueignen, das für Unternehmen und das Bruttoinlandsprodukt von Bedeutung ist. Erwartet wird, früh in die Schule zu kommen, nach 12 Jahren Abitur machen, im Bachelor-Master-System innerhalb der Regelstudienzeit die nötigen Creditpoints zu sammeln, um dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Gerade für uns als junge Generation ist der Text von Harald Welzer demnach (more…)

Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum

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