Einleitung zur Debatte « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Einleitung zur Debatte

6. Mai 2011, von

Die Diskussion bringt den Stein ins Rollen

Die Wachstumsdebatte wird derzeit im Land verstärkt geführt und immer öfter finden sich Beiträge rund um dieses Thema auch in Mainstream-Medien. Fast 40 Jahre nach dem legendären Report des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ stellen wir uns mit neuer Dringlichkeit heute fast die gleichen Fragen. Die prognostizierten ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen wie Klimawandel, Ressourcenkonflikte oder die sog. „Bubbles“ (z.B. auf dem Immobilienmarkt) sind eingetreten und verschärfen sich zusehens. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009/2010 hat den globalen Diskurs nachhaltig beeinflusst. Auch wenn die entscheidenden Reformen (noch) ausbleiben, so dürfen die Menschen wieder grundsätzlichere Fragen stellen, ohne ein Kopfschütteln zu ernten. Mit der “Enquetekommission“, dem Wachstumskongress von Attac oder dem Hype um Tim Jackson zeigt sich auch für unsere Stiftung, wie sehr wir mit dem Thema „Wachstum“ am Puls der Zeit liegen. Gerade viele junge Menschen, welche die Grenzen des Wachstums heute erstmals erfahren, zeigen sich besonders interessiert.

Doch die Debatte dreht sich dabei nicht nur um die Frage nach absoluter oder relativer Entkopplung. Es geht um mehr als eine industrielle Transformation oder Energierevolution. Zwar ist es richtig, sich mit allen Akteuren zusammen über effektive Wege zu einer solaren Zivilisation auszutauschen, doch die technische und politische Diskussion allein kann den erforderlichen Wandel nicht ausreichend anstoßen. Der erbitterte Widerstand jener, welche sich einer Wachstumsdebatte nicht stellen wollen, deutet genau auf die im öffentlichen Diskurs noch wenig beleuchtete Stelle hin: die kulturelle Ebene. Hier wollen wir Licht ins Dunkle bringen und haben mit dem Essay von Harald Welzer einen Blick auf die Entstehung und den Charakter unserer „mentalen Infrastrukturen“ geworfen. Viele Menschen wehren sich stark dagegen, ihre erprobten Lebensmodelle zu verlassen. Doch genau dafür plädiert Welzer: der „bürgerlich-kapitalistische Wertehorizont“ muss aufgerissen werden und ein neues Narrativ muss her. Eine Geschichte, die wir über uns selbst erzählen können – und zwar aus der Perspektive einer möglichen Zukunft – muss her. Wer möchte ich einmal gewesen sein? Wie möchte ich die Welt in 20 Jahren eingerichtet sehen und was möchte ich meinen Kindern wirklich hinterlassen? Das ist für viele Menschenbekanntlich noch schwerer zu denken als die Auswirkungen des Klimawandels oder nuklearer Katastrophen. Doch genau dieser erforderliche Denkprozess ist es, der den Stein ins Rollen bringen kann.

Gerade die junge Generation heutiger Schüler_innen und Studierender macht sich darüber Sorgen, in was für eine Welt sie da ihre Lebensmodelle hinein konstruieren. gleichzeitig sind sie vielleicht noch etwas offener für Veränderungen. Diese Gruppe Heranwachsender soll in der Online-Debatte „Immer Mehr?!“ zu Wort kommen. Dabei geht es u.a. um folgende Fragen:

  • Was bedeutet für einen jungen Menschen heute „ein gutes Leben“ zu haben bzw. wie werden die Grundlagen für dieses heute gelegt?
  • Werden Jugendliche tatsächlich nur auf Karriere und Konsum getrimmt und wenn ja, warum?
  • Leben wir grundsätzlich „falsch“ oder sind wir einfach irgendwo nur falsch abgebogen?
  • Welche Gedanken kommen Euch/Ihnen nach der Lektüre von Welzers Gesellschaftsanalyse?
  • Müssen technologische Fragen rund um Entkopplungsszenarien von der kulturtheoretischen Debatte getrennt werden? Wie könnte eine Verknüpfung dieser Sphären aussehen und welche Rolle spielt Politik dabei?
  • Welche ernstzunehmenden Alternativen zum Fortschrittsdenken und zum Wachstumsparadigma gibt es?
  • Wie kommen wir aus dem scheinbaren Teufelskreislauf von Produktion und Reproduktion unserer Denkmuster? Müssen wir erst die Welt oder erst unser Denken verändern?
  • Wie effektiv ist Welzers Forderung, die nötige Transformation des Denkens im Kleinen durch „viele unmittelbar wirklichkeitsverändernde Praxisprojekte“ voran zu treiben?

Natürlich sind Leser_innen jeden Alters zum Kommentieren und Verlinken aufgerufen! Ich wünsche uns einen spannenden Austausch!

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8 Comments

  1. Lehrreicher Beitrag. Interessant, wenn man sowas auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

  2. Wäre schön, wenn man hier mal Niko Paech zu Wort kommen lassen könnte. Meiner Meinung einer der besten Theoretiker auf dem Feld. Hier bspw ein Essay von ihm: http://www.oya-online.de/article/read/328.html

    • Niko ist leider zu alt für einen Beitrag hier. Wir wollen ja dezidiert mal die jungen Menschen zu Wort kommen lassen. Natürlich kann Niko Beiträge kommentieren. Ich bin aber auch sicher, dass sich viele von uns auf diesen neuen Apostel des „weniger ist mehr“ beziehen werden. 😉

  3. Aufstiegshoffnung und Wachstumsdenken…

    Im jüngst erschienenen Band „Mentale Infrastrukturen“ der Heinrich-Böll-Stiftung geht der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer der Frage nach, „wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“ und benennt nicht zuletzt die Autonomie des modernen M…

    • Lieber Stephan,

      Du schreibst: „Welzer fordert stattdessen eine neue Zukunftsvision davon, wir im Jahr 2025 leben wollen und dass die Zukunft „wieder eine Kategorie des Politischen“ wird. Aber ist das nicht auch wieder ein Vorgriff auf Zukunft, die Selbstüberbietung der Gegenwart in die verzeitlichte Utopie?“
      Aber der Mensch soll doch kein Konzept für die Zukunft entwerfen, sondern die Zukunft denken. D.h., den zukünftigen Standpunkt einnehmen und zurückschauen – relativ unabhängig davon, wie die Zukunft dann aussieht. Von dieser Position soll er (der Mensch) sein Leben betrachten und bewerten. „Wie will ich gelebt haben?“ Über die Zukunft wird also die Gegenwart im Wert gesteigert. Wir sollen nicht uns immer verbessern damit wir „in der Zukunft dann mal“ Top-of-the-Pops sind. Wir sollen jetzt im Hier gut Leben. (Hinzu kommt natürlich die Perspektive der Nachhaltigkeit.)

      Weiter kritisierst Du: „Eine Antwort, wie ein zukunftsfähiges Lebensmodell ohne die innovative Kraft des Strebens des modernen Menschen nach einem besseren Leben aussehen könnte, bleibt Welzer schuldig.“
      Da sehe ich keinen Widerspruch. Die innovative Kraft an sich wird ja nicht kritisiert, sondern nur deren praktische Ausübung derzeit. Sie ist nämlich nicht nachhaltig. Das hat damit zu tun, dass nicht das Streben das Problem ist, sondern das, wonach gestrebt wird: „einem besseren Leben“. Hier liegt die Krux. Der Mensch hält die falschen Dinge für richtig; verfehlt daher das gute Leben.

      PS: es sei alle dieses Blog wärmstens ans Herz gelegt http://wasistderdeutschetraum.de/

  4. Der Wachstumszwang sowie alle anderen Zivilisationsprobleme entstehen monokausal und zwangsläufig aus einer seit jeher fehlerhaften Geld- und Bodenordnung und der daraus resultierenden Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz. Die Zusammenhänge sind im Grunde einfach zu verstehen, und im 21. Jahrhundert sollten die elementaren Konstruktionsfehler unserer makroökonomischen Grundordnung längst durch eine freiwirtschaftliche Geld- und Bodenreform korrigiert sein.

    Das dies dennoch nicht der Fall ist und die Makroökonomie insbesondere von „Spitzenpolitikern“ und „Wirtschaftsexperten“ bis heute nicht verstanden wird, beruht auf einer uralten Programmierung des kollektiv Unbewussten, welche die halbwegs zivilisierte Menschheit überhaupt erst „wahnsinnig genug“ für die Benutzung von Geld machte (Edelmetallgeld ist immer Zinsgeld), lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war.

    Wer sich von allen Vorurteilen befreien und die Basis allen menschlichen Zusammenlebens verstehen will, findet alle wesentlichen Informationen unter „Der Weisheit letzter Schluss“.

    Alles andere enthält weitere Vorurteile.

  5. Halle Stefan,

    ich möchte ungern eine Zinsdiskussion hier führen. Ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn „die“ Lösung „des einen“ Problems präsentiert wird. Aber dein Argument „einer uralten Programmierung des kollektiv Unbewussten“ klingt interessant und passt in diese Diskussion. Ist das nun lediglich ein Fehldenken „der da oben“ (auch bei solchen Formulierungen wäre ich vorsichtig!!), oder kollektiv? Wie bildet sich das heraus, wo gibt es da mentale Infrastrukturen? Gibt es eine andere – nicht so materialistische (Bodenordnung usw…) – Herangehensweise an Dein Argument?
    Merci!

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum