Hannah Hüdepohl: Wachstum als Lebensprinzip? « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Hannah Hüdepohl: Wachstum als Lebensprinzip?

11. Mai 2011, von

Hannah Hüdepohl

Oft musste ich während des Lesens ungläubig schmunzeln über den fehlenden Realitätsbezug des Individuums in Raum und Zeit. Wie selbstverständlich all die Dinge hingenommen werden, die vor drei Generationen noch gar nicht denkbar waren. Schaue ich mir Fotos von Städten am Anfang des 20. Jahrhunderts an, frage ich mich immer, was mir dort so fremd erscheint? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Es gab mehr Platz auf den Straßen, weil die parkenden Autos fehlten!

Widersprüche des Wachstumsgedankens zeigen sich in allen Regionen der Welt, sei es durch leer stehende Hotelburgen an der spanischen Küste, den Transport von Hühnerbeinen aus Deutschland nach Kamerun oder die langwierigen Versuche das Loch im Golf von Mexiko zu stopfen. Der/Die BürgerIn kommt nicht umhin diese Nachrichten wahrzunehmen und geht dennoch Kaffee mit einem Schuss Karamellsirup trinken. Ist der intensive Geschmack einer sanft gerösteten Kaffeebohne nicht gut genug?

Auch ich kann mich diesem normierten Ablauf nicht entziehen. Ich studiere, wie die Gesellschaft es mir als Akademiker-Kind vorgibt, und probiere darauf zu achten, die Regelstudienzeit nicht zu sehr zu überziehen, gehe ins Ausland mit dem Hintergedanken, dass Auslandserfahrungen im Lebenslauf heute fast Pflicht sind, und bringe den genügenden Selbstzwang auf, um dies alles zu bewältigen. Ist jeder Mensch ehrlich zu sich, wird er/sie ähnliche Motive für sein Handeln finden. „Die Mentalität des  niemals fertigen, eines immer wachsenden Menschen“, bestimmt auch meine Lebensplanung. Ich kann mir nicht vorstellen, einmal etwas gefunden zu haben, dass ich bis zu meinem Lebensabend machen möchte. Meine Realität als Bewohnerin der westlichen Welt bietet mir ein breites Spektrum an theoretischen und praktischen Fähigkeiten, die ich erlernen kann und ich nutze dieses Angebot natürlich, so wie viele Menschen in meiner Umgebung. An dem Wachstum der persönlichen Fähigkeiten habe ich auch grundsätzlich nichts auszusetzen. Die erlernten Fähigkeiten bleiben mir, sollte ich alles andere verlieren. Wo ist also der Haken an der Internalisierung des Wachstumsgedankens?

Auch wenn für mich die Erweiterung meiner Fähigkeiten positiv scheint, so ist die Kehrseite das wachsende Bedürfnis nach Rohstoffen. Für viele Tätigkeiten im heutigen Alltag, über die allgemein Erfahrungsreichtum definiert wird, ist ein hohes Energieniveau unerlässlich. Motorcross, saunen, Urlaub, feiern, Fallschirmspringen… diese Liste ließe sich beliebig weiterführen. Um diese freizeitlichen Tätigkeiten ausführen zu können, werden Energie und Konsumgüter benötigt und vor allen Dingen immer mehr davon! Die Art der persönlichen Entwicklung braucht das ständige Wachstum der Möglichkeiten der zu konsumierenden Güter und deren technische Optimierung. Die Grundfunktion eines Gegenstandes ist heute nicht mehr ausreichend und die technischen Entwicklungsabteilungen der Forschung erzeugen ständig neuen Bedarf durch Innovation und Variation. So wird der Gewinn an Lebenserfahrung oft auf die materielle Ebene degradiert und ist eng mit dem wirtschaftlichen Wachstum verbunden. Wir als Konsumenten werden nicht satt und lassen uns durch das große Angebot verleiten. Das hohe Maß an materiellem Besitz und die Vielfalt der Entfaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft lasten auf dem menschlichen Gemüt. So viele Menschen wie nie zuvor irren orientierungslos herum. Wie viele junge Menschen waren schon mit psychischen Erkrankungen in Therapie? Der Blick aufs Wesentliche ist verschwommen. Die Reizüberflutung beginnt im Supermarkt und führt sich in allen Lebensbereichen fort. Wir könnten dieser Spirale weiter folgen, wären da nicht die Rohstoffknappheit, die begrenzte Schadstoffaufnahmekapazität der Umwelt und die Milliarden Menschen, die unter unserem Lebensstil hungern. Die Unverhältnismäßigkeiten unseres Systems werden von vielen jungen Menschen an einzelnen Fallbeispielen erkannt; der Gesamtkontext bleibt jedoch meist unangetastet. Wie soll der Durchschnittsmensch (ich schließe mich hier mit ein) die Komplexität der Wechselwirkungen auch verstehen? Und das auch noch, wenn die negativen Auswirkungen im Westen nur subtil spürbar sind und nicht direkt erfahren werden, sondern Geschichten aus den Nachrichten bleiben. Den eigenen Lebensstil mit dem Leiden vieler anderer Menschen direkt in Verbindung zu bringen, ist eine Herausforderung, die Reflexion und Einsicht erfordert. Die größeren Zusammenhänge dahinter zu begreifen ist beunruhigend und flößt Angst ein. An diesem Punkt blocken viele Menschen spätestens ab, weil sie erahnen, dass weiteres Hinterfragen ihr gesamtes Lebenskonzept über Bord werfen würde und begnügen sich damit, ab und zu mal eine Bio-Milch fürs gute Gewissen zu kaufen. Der große Fehler an dieser Reaktion liegt darin, dass die zukünftigen Veränderungen aufgrund der gegebenen Herausforderungen meistens mit Verzicht in Verbindung gebracht werden. Stattdessen sollten wir uns fragen auf was wir, indem wir den Systemparametern folgen, alles verzichten: Lebenszeit, Ruhe, Gesundheit, Genügsamkeit, Anerkennung und Gemeinschaft?

Meine Generation darf die vorgegebenen Umstände nicht weiterführen, wenn die Menschheit überleben will. Wir müssen die Bedürfnisse des Menschen überdenken. Warum sollten es dieselben sein, wie die der vorigen Generationen? Vor dem Hintergrund der äußeren Systemgrenzen kann sich jede/r folgende Fragen stellen:

Was macht mich glücklich? Wie will ich leben? Was liegt in meiner Entscheidungsfreiheit? Wie sind meine Bedürfnisse und welche definiere ich nur vermeintlich als meine, weil sie mir von der Gesellschaft so vorgelebt werden? Was brauche ich wirklich? Was möchte ich erlernen? Welche Fähigkeiten sind sinnvoll? Welche Werte möchte ich vertreten?

Keine einfachen Fragen vor allen Dingen mit dem Gedanken, dass viele der Gewohnheiten in westlichen Industrieländern nicht  überlebensfähig sind, da wir uns zu weit von den Grundlagen des Lebens entfernt haben. An den jüngsten Protestbewegungen gegen Stuttgart 21, Atomkraft und die Naziblockaden zeigt sich die steigende Bereitschaft gegen bestimmte Auswirkungen des Wachstumsglaubens zu demonstrieren. Durch das große bürgerliche Interesse entstehen neue Kollektiv-Erlebnisse in der Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich verbunden, gemeinschaftliches Miteinander wird geübt und viele Menschen schaffen neue Plattformen zum Austausch über Ideen, Träume und Kritik. Das so geschaffene Zugehörigkeitsgefühl überwindet kurzzeitig die Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber der Wirtschaft und Politik. Das darunterliegende Problem, die Art des Wirtschaftens, wird kaum thematisiert. Zwar wird in studentischen und intellektuellen Kreisen am Kapitalismus Kritik geübt, doch wird dies von der Öffentlichkeit allzu oft als radikal abgestempelt. Die negative Konnotation der Radikalität behindert die intensive Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Kapitalismuskritik. Hier sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass radikal von dem lateinischen Wort radix stammt, und übersetzt so viel wie „etwas an der Wurzel packen“ bedeutet. Und genau das ist die Aufgabe meiner Generation.

Um diese Aufgabe zu bewältigen brauchen wir neue gemeinschaftliche Visionen und Träume, die uns  Möglichkeiten der Identifikation jenseits des materiellen Wachstums aufzeigen. Die Ansätze können, wie immer in einer individualisierten Gesellschaft, vielfältig sein. Ich zum Beispiel träume von einer autofreien Stadt, in der die Straßen aufgebrochen wurden und statt stinkenden und lauten Fahrzeugen, Fahrräder zwischen Obstbäumen und Beerensträuchern passieren. Ich träume von einer Welt in der Kindererziehung als Aufgabe der Gemeinschaft angesehen wird und die Menschen nur noch halbtags arbeiten, um mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben.

Wir sollten positiv in die Zukunft schauen, auch wenn es vermeintlich schwer erscheint. Sich ins Bewusstsein rufen, dass die kommenden Veränderungen nicht nur materiellen Verlust bedeuten müssen, sondern auch einen Gewinn an mentaler Lebensqualität beinhalten können.

 

Hannah Hüdepohl ist Studentin der Umweltingenieurwissenschaften in Kassel, um die „technischen Errungenschaften“, die unsere Lebensgrundlage zerstören, näher kennenzulernen und Alternativen zu finden. Während ihrer  Freiwilligenarbeit in Bolivien, wurde ihr endgültig klar, dass es für das Überleben der Menschheit unabdingbar ist, die Lebensweise zu verändern.

 

Tags: , , , , ,

Weitere Artikel

5 Comments

  1. Liebe Hannah,
    danke für diesen nachdenklichen Artikel. Der für mich persönlich wichtigste Satz ist folgender:
    „Die negative Konnotation der Radikalität behindert die intensive Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Kapitalismuskritik.“
    Auch ich habe meine Kontakte in das Milieu, welches gerne als „linksradikal“ beschimpft wird. Dabei sind das Menschen, welche sich für Klimagerechtigkeit, eine bessere Umverteilungspolitik, Nazi-freie Dörfer oder einen kostenlosen ÖPNV einsetzen. All das ist nicht in der Mitte der Gesellschaft. Andererseits, vielleicht sollte es das auch gar nicht sein? Die GRÜNEN sind ja mittlerweile mit (oder durch?) ihren Positionen im Mainstream angekommen. Ist das gut? Sollten wir alle ein wenig „linksradikal“ sein, oder müssen die Meinungen am kapitalismuskritischen Rand sich mehr in die Gesellschaft wagen? Wie geht das ohne Populismus? Oder anders gefragt: Ändern wir die mentalen Infrastrukturen durch Druck von der (linken) Seite? Oder sollte ein Lebenswandel den Menschen schmackhaft gemacht werden?
    Uralte Fragen, ich weiß… 🙂

    • Lieber Georg,

      entschuldige meine späte Antwort. Ich habe jetzt dreimal den Fehler gemacht, dass ich meinen Namen oben nicht eingetragen hab und dann war jedesmal der Kommentar weg…viellecht könnte mensch das nutzerfreundlicher einstellen?
      Ich kann diese Fragen auch nicht wirklich beantworten. Ich glaube, dass wir von allem brauchen. Es gibt leider kein Patentrezept, allerdings wäre es dann ja auch langweilig?! Die wichtigste Frage, die sich mir stellt, ist wie wir mit diesem Wirtschaftssystem in Zukuft umgehen wollen. Was sind die richtigen Ansätze, um die Macht der Konzerne zu brechen und die Politik wieder zu einem unabhängigen und transparenten Akteur werden zu lassen, der bedürfnis- und nicht wirtschaftsorientiert handelt? Welche Maßnahmen der Zivilbevölkerung machen da Sinn? Die Macht des Konsumenten scheint mir hier nicht ausreichend.

  2. Guten Tag

    Mein Name ist Tim. Ich bin schon etwas älter und studiere gegenwärtig Politikwissenschaft an der Uni in Leipzig.
    Der wohl renommierteste politische Philosoph den es momentan auf dem Planeten gibt heißt Sheldon S. Wolin. Wolin beschreibt das soziokulturelle bzw. sozioökonomische System in den USA als einen `umgekehrten Totalitarismus`. Die Analogien, welche sich für Europa oder speziell für Deutschland ableiten lassen sind erstaunlich. Ich kann das gesamte Konzept jetzt hier nicht im Detail vorstellen, jedoch stimmt Wolin mit der Frankfurter Schule in einem zentralen Punkt überein. Je größer die Paradoxien im System aufbrechen, desto stärker werden die Täuschungs- o. Verdrängungsmechanismen der Menschen. Sie flüchten sich dann noch mehr in ihre Illusionen oder Fiktionen und weichen so der Wirklichkeit aus. Dazu kommt, dass die gesamte `make- believe- cultur` das Subjekt in eine „imaginary world“ einbettet. Die allgemeine Propaganda verstrickt die Menschen förmlich fluchtsicher mit einer irrealen Vorstellungswelt und redet permanent von Optimismus. Das Subjekt soll glauben, dass die Menschen alles machen könne was sie wollen, dass man nur an sich glauben muß oder einfach die negativen Fakten vergessen soll, weil diese nicht zum individuellen Erfolg beitragen. Dabei sind wir eine Kultur oder vielmehr Gesellschaft, die völlig in Illusionen oder Wunschdenken gefangen ist. Die Realität ist potenziell ruinös, nur verbirgt sich diese Tatsache hinter einem vordergründigen schönen Schleier. Wolin beschreibt das gesamte System als einen „deadlock“!
    Ich denke, dass Wolin die harsche Realität in der wir alle gefangen sind ziemlich genau darstellt. Das Expansionssystem ist an seine Grenzen gestoßen, jedoch ist die Mehrheit der Menschen in der Lage sich selbst zu illusionieren und macht daher koste es was es wolle weiter. Es ist egal wie viele wissenschaftliche Arbeiten oder Beweiße man/ frau vorlegt. Das System wird trotzdem weiter machen. Von dieser Erkenntnis aus gilt es neu zu überdenken was zu tun ist. Vielleicht sollte man/ frau anfangen wie eine wirklich ernsthafte Widerstandsbewegung zu denken und dann Handlungen ersinnen. mfg

    • Hallo Tim,

      ich stimme dir zu, dass die Verdrängungsmechanismen der Menschen stark sind. Jedoch empfinde ich viele Menschen als pessimistisch eingestellt und die Berichterstattung der Nachrichten eher als niederschmetternd. Dass dies im gleichen Verhalten resultieren kann, sehe ich auch: „Wenn eh alles den Bach runter geht, kann ich auch nochmal richtig aufs Gas drücken!“. Das ist meine Empfindung, vielleicht beobachtest du etwas anderes? Es sind alles Teilwahrheiten. Ich glaube auch nicht, dass die Komplexität der gesellschaftlichen Vorgänge mit eine wissenschaftlichen Theorie erklärt werden können, weil sie zu vielfältig sind. So stelle ich mir auch eine Widerstandsbewegung vor. Lokal agierend, global vernetzt und mobilisierbar, bedürfnisorientiert, vielfältig, kreativ und schlagfertig. Nur die Übermacht der Konzerne lassen bei mir manchmal eine gewisse Ohnmacht entstehen. Was verstehst du unter ernsthaft?

  3. Hallo Hanna, schöner Artikel.

    Ich muss kurz etwas klar stellen:

    Es gibt kein politisches System, nur einen politischen Organismus.
    Die Institutionen der heutigen Gesellschaften sind nicht von einer übermächtigen Macht in die Welt gesetzt worden, sondern im Laufe der Geschichte von Menschen erfunden, gebildet und weiterentwickelt worden. So kann man also nicht von einem in sich funktionierenden System sprechen.

    Dein Traum ist genau die Art von Traum, die viele Menschen träumen, glaube ich:

    „Ich zum Beispiel träume von einer autofreien Stadt, in der die Straßen aufgebrochen wurden und statt stinkenden und lauten Fahrzeugen, Fahrräder zwischen Obstbäumen und Beerensträuchern passieren. Ich träume von einer Welt in der Kindererziehung als Aufgabe der Gemeinschaft angesehen wird und die Menschen nur noch halbtags arbeiten, um mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben.“

    Er ist zu erfüllen und ich sehe es wie Du:

    Die Zukunft wird schön!:)

Sorry, the comment form is closed at this time.

Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

Mitmachen? / Participate?

Du kannst bei dieser Blogdiskussion mitmachen! Kommentiere die Artikel oder reichen Deinen eigenen Artikel bei koessler@boell.de ein. / You can participate in this blog-discussion! Just comment any of the articles or send your own contribution to koessler@boell.de.

Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum