Hannes Böhm: Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein! « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Hannes Böhm: Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!

17. Mai 2011, von

Hannes Böhm

Ich bin VWL-Student. VWL, das steht für Volkswirtschaftslehre. Doch ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht mehr um das „Volk“ geht. Noch niemand konnte mir eigentlich erklären, was das Volk überhaupt will. Bei VWL kann das aber berechnet werden:

„Zeigen Sie anhand eines Diagramms für den Arbeitsmarkt, wie sich die Einführung von einem gesetzlich fixierten Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, auf die Beschäftigung auswirkt.“

Griff zum Geodreieck. Beschäftigung als x-Achse zeichnen, Lohnsatz als y. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage treffen sich ohne Mindestlohn bei etwa 6€.  Jetzt der Mindestlohn. Durch einen höheren Lohnsatz liegt jetzt mehr Arbeitsnachfrage als Arbeitsangebot vor. Die Arbeitslosigkeit steigt. 

Knapp 50 StudentInnen sitzen in einem VWL-Tutorium und bereiten sich mit Fragen über Angebot & Nachfrage, Mindestlöhne und verschiedenen Arten von Arbeitslosigkeit auf die kommende Prüfung vor. Lektion für heute: Mindestlöhne sind „marktwidrig“ und führen zu einer sogenannten „Mindestlohnarbeitslosigkeit“. Eine Aufgabe zuvor wurde in Teil a) festgehalten, dass die Monopolstellung eines Unternehmens den Wettbewerb der Branche lahm legt. MonopolistInnen haben keinen Anreiz mehr zu Forschen und ihre Produkte zu verbessern, worunter die VerbraucherInnen leiden. Darüber hinaus kann der/die MonopolistIn seine Preise fast nach Belieben festlegen. Ebenfalls zum Leidwesen der VerbraucherInnen. In Aufgabenteil b) stellen wir fest, dass MonopolistInnen immer einen größeren Gewinn erzielen als Unternehmen im Wettbewerb. Daher besteht für jedes Unternehmen der Anreiz ein Monopolist zu werden. Knapp 50 StudentInnen schreiben eifrig mit.

 

Das Bruttoinlandsprodukt – Wege in die Abhängigkeit

Schon im ersten Semester Volkswirtschaftslehre merkt man, dass sich eigentlich fast alles um das „BIP“ dreht. Das Bruttoinlandsprodukt. Dies setzt sich aus der Summe der Güter und Dienstleistungen zusammen, welche eine Volkswirtschaft produziert hat. Ein alleiniger Maßstab. Mathematisch berechenbar, in seiner nahezu buchhalterischen Eigenschaft, alles Produzierte, jede Schraube mit samt seiner Mutter und dem Schweiß der durch die Arbeit an ihnen klebt, zusammenzufassen und zu berechnen.

Doch kennt man nicht auch abseits der akademischen Theorie den Wert und insbesondere die psychologische Bedeutung des BIP? Wenn der oder die Nachrichtensprecher/In berichtet, dass das BIP 2010 mal wieder 3% höher war als das BIP 2009? Das Gefühl zufriedener Gelassenheit, die Einsicht, dass Politik doch zu etwas Nütze ist und das Bewusstsein, der Nährboden unseres Wohlstandes, hat durch den BIP-Anstieg eine frische Düngung erfahren?

Es sind vor allem die mentalen Infrastrukturen in der Bevölkerung, welche nur eine Straße kennen, nämlich BIP rauf oder BIP runter.

Solange noch der Wohlstand noch sichtbar stieg, aus dem einem Auto in der Garage plötzlich zwei wurden und der Urlaub in Italien gerne auch 3 Wochen dauern durfte, verleitete das gleichzeitige Wachsen des BIPs, zu einer trügerischen Kohärenz mit Lebensqualität. Erst als sich die Löhne ab den 90ern kaum noch real bewegten und auf das zweite Auto kein drittes mehr folgte, setzte resignierte Stimmung ein. Dennoch klammert sich gerade die jetzige Regierung verbissen ans BIP. „Investitionen für mehr Wachstum“ gehört zu den verbalen Allzweckwaffen von Angela Merkel.

 

Rettung durch die Enquete?

Was kann die Enquetekommission tun? Der wohl einfachste aber wichtigste Grundsatz, der herrschen sollte ist: Menschen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse und verhalten sich allzu häufig irrational. Sie denken nicht nur an sich selbst und folgen nicht immer dem gewinnbringendsten Weg.

Spätestens nach dem ersten Monat meines Studiums habe ich aufgehört das Wort „Gewinnmaximierung“ zu hinterfragen. Es kam so oft vor, dass man, um im Wirtschaftsjargon zu bleiben, von einer galoppierenden Inflation sprechen kann. Mal ist es Unternehmen X, mal Privatperson Y, die ihren Gewinn maximieren und den Einsatz ihrer Rohstoffe am effizientesten gestalten wollen. Für den/die StudentIn heißt es: nicht weiter nachdenken, Funktion ableiten, gleich Null setzen, Maximum suchen. Am Ende erhalten wir eine Zahl, die – wenn sie richtig ist – die Seele aller WirtschaftswissenschaftlerInnen streichelt. Mission erfüllt, Gewinn maximiert. Als würde man uns eine Leine mit einer Karotte daran vor die Nase halten und wir müssten, schon rein instinktiv und in Fleisch und Blut übergehend, der Karotte nachjagen – selbst wenn diese über dem nächsten Abgrund hängt.

Ein neuer Index muss darüber hinausgehen und den Anspruch haben, gesamtgesellschaftliche Prozesse ausgeglichen zu berücksichtigen. Umweltbelastung oder Lebenserwartungen sind nur zwei Beispiele für Messzahlen, die man einer bestimmten Gesellschaft zu Grunde legen kann. Doch ein zukunftsweisender Index braucht mehr als das. Bildungschancen, neue Technologien, Integration, Ressourcenschonung und vieles mehr müssen mit einfließen, in ihrer heutigen Form, aber vor allem auch mit Blick auf die Zukunft.

Zu guter Letzt muss der Index, so wie der Mensch auch, mit Fehlern rechnen können. Wobei Fehler nicht einmal das Wort der Wahl ist. „Irrationalität“ träfe es besser. Wahlen nach Bauchgefühlt anstatt nach Inhalten, oder die Tendenz, in Umfragen sozial verträglicher zu Antworten als man es in der Praxis ist, sind nur zu gute Beispiele für unsere Unausgewogenheit, unsere instinktive Wahrnehmung, die zwar nicht richtig sein muss, aber doch menschlich ist.

 

All diese Vorhaben sind keinesfalls leicht zu verwirklichen. Es gibt keine Formel für Glück oder Zufriedenheit – wohl aber statistische Belege für das, was den Menschen gesellschaftspolitisch am wichtigsten ist. Hinzu muss die Einsicht dafür kommen, was das BIP nie geschafft hat. Die Tatsache zu berücksichtigen, dass wir nur einen Planeten zur Verfügung haben. Unendliches Wachsen verträgt sich nicht mit einer endlich-belastbaren Welt.

Es ist schwierig. Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit kann ich nicht so schön auf einer Achse wiedergeben, wie Preis und Menge. Mit Preis auf der einen und abgesetzter Menge auf der anderen Seite, wurden mir zwei einfache Werkzeuge in die Hand gedrückt um „Märkte zu analysieren“. Wer dann beschlossen hat, dass sich daraus unser Wohlbefinden ableitet, und wer es so akzeptiert hat, ist mir zumindest im heutigen Jahr 2011 unverständlich.

Womit auch wieder die Enquete Kommission bereits zu Beginn den wohl gravierendsten Fehler begangen hat: die Experten der Kommission setzten sich aus zwei Dritteln aus Ökonomen zusammen. Es sind jene Menschen, die unter dem trügerischen Wasser des Wirtschaftswachstums getauft, und anschließend mit den Schwertern der Gewinnmaximierung und Kostenminimierung bewaffnet wurden. Sicherlich ist es falsch sämtliche WirtschaftswissenschaftlerInnen in einen Topf zu werfen und ihnen den fehlenden Blick für das Wesentliche zu unterstellen. Ich persönlich weiß es ja auch nicht besser. Doch waren es Ökonomen, die Mexiko im Jahre 1993 glänzende wirtschaftliche Prognosen in Aussicht stellten – bis 1995 der „Mexican-Bail-Out“ kam. Es waren Ökonomen die 1995 die asiatischen Tigerstaaten feierten – bis diese sich 1997 völlig überschuldeten. 1999 waren es die Dotcom-ManagerInnen, denen man auf den wirtschaftlichen Pilgerstätten wie in Davos, den Hof machte – allerdings nur bis dich gleichnamige Dotcom-Blase im Jahr 2000 platzte. Wirtschaftsprognosen gleichen häufig  einem Kuriositätenkabinett mit Zusagen die etwa so qualitativ sind, wie die der Wahrsagerin aus dem Mittelalter. Wurde der einen jedoch fairerweise fauler Zauber unterstellt, tanzen bei den Rufen der WirtschaftswissenschaftlerInnen die Milliarden. „Der wichtigste Gebrauchsgegenstand, den ich kenne, ist die Information“, sagt man sich an der Wall Street. Nicht das Resultat. Um das zu unterstreichen, verkündete Bill Gates im Jahr 2004 feierlich, dass in zwei Jahren das Spam-Problem gelöst sein wird. Wie gut das geklappt hat, bemerken wir, wenn wir in unser Postfach blicken. Der Aktie von Microsoft wird es nicht geschadet haben.

 

Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!

Wir müssen den Denkprozess durch die Kommission dazu nutzen, auch in anderen Bereichen unsere Anschauung auf unsere Wirtschafts- und Produktionsweise zu hinterfragen. Und wie diese gelehrt wird. Wir dürfen nicht länger sagen: „Mindestlohn schlecht, weil Diagramm sagt, Arbeitsnachfrage niedriger.“ Nähern wir uns der Sache doch etwas klüger. Zum Beispiel wie eine kürzlich erschienene, umfangreiche Studie der US-Universität Berkeley. Die Studie räumt mit dem Dogma der deutschen Wirtschaftsforschung, Mindestlöhne zerstören Arbeitsplätze auf, und untersuchte dabei wirtschaftlich vergleichbare Regionen mit unterschiedlichen Mindestlöhnen und die dabei langfristig auftretenden Wirkungen für die Bevölkerung. Das Resultat: in Regionen mit höheren Mindestlöhnen blieben angebliche Entlassungswellen aus. Zudem stieg das Einkommen der Bevölkerung spürbar und kurbelte die Binnennachfrage an.

Machen wir uns also stark für eine neue Form des Wirtschaftens: in ihrer Ermessung, in ihrer Art und Weise und in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung.

 

Hannes Böhm ist 21 und studiert im zweiten Semester Volkswirtschaftslehre an der Uni Münster. Nebenbei engagiert er sich in der Grünen Jugend und koordiniert dort das Fachforum Wirtschaft und Soziales.

 

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2 Comments

  1. Genialer Artikel! Bei mir hat es ehrlich gesagt länger gedauert die Prinzipien der Wirtschaftswissenschaften zu hinterfragen. Die Uni war für mich mehr eine Jagd nach „CreditPoints“, also eine Art „Wissenskomsum“ ohne tieferes Begreifen.
    Erst seitdem ich mich den entsprechenden Fragen grüner Wirtschaftspolitik auseinandersetze muss ich erkennen, welche wichtigen Wissensgebiete in der Uni gar nicht vermittelt werden (Geldschöpfung, Geldkreislauf, Nachfragetheorie) oder wenn doch dann als unrelevant, nebensächlich, abstrus bis völlig spinnert. Ich erinnere mich noch, das Peter Bofinger als Nachfragetheoretiker belächelt wurde.
    Es gibt so viele GRUND-annahmen in den Wirtschaftswissenschaften, die schon völlig abstrus sind, dass ein weiterdenken eigentlich verboten gehört. Dazu gehört der Homo-Ökonomicus mit seiner Gewinnmaximierung genauso wie das das Sparen der privaten Haushaulte den Investitionen entsprechen muss (I=S). Hört sich simpel und klar an, ist aber ziemlicher Quatsch. M. E. müsste es I = Kreditaufnahme heißen, wobei diese zum größten Teil über eine Ausweitung der Geldmenge erfolgt (Geldschöpfung durch Privatbanken). I = M * S also die Investionen = Geldmenge * Sparen. Die Geldmenge entwertet demnach das Sparen. Je nach Eigenkapitalanforderung bei den Banken kann M zwischen 1 (100 % Eigenkapital) bei bis zu 50 (2 % Eigenkapital) liegen. Aber die Geldmenge hat ja laut Volkswirtschaftstheorie keinen Einfluss auf die Wirtschaft…

    Diese Gedanken sind mir gerade live gekommen, ich hoffe die hatte noch niemand vor mir 😉

  2. […] hinterfragen doch schon den ersten Schritt. Den Kritischen Blick muss sich auch Hannes erhalten. Er beschreibt wie er nach zwei Semestern VWL aufgehört hat, das Wort „Gewinnmaximierung“ zu hinterfragen. […]

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum