Max Pichl: Die Revolutionierung des Subjekts « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Max Pichl: Die Revolutionierung des Subjekts

24. Mai 2011, von

Maximilian PichlDer Beitrag „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer liefert eine ungewöhnlich innovative Perspektive auf die laufende Wachstumsdebatte. Der politische und mediale Mainstream diskutiert die Frage des Wachstums praktisch ausschließlich auf einer technischen Ebene, sprich: welche Technologien müssen eingesetzt werden, um die Energieerzeugung nachhaltiger zu gestalten; wie muss die Politik sich verändern, um das Ziel einer postcarbonen Gesellschaft zu erreichen usw. Welzer wendet sich direkt den Subjekten zu. „Nichts ist niemals fertig, die Arbeit hört niemals auf“ – dieser Satz aus Welzers Essay scheint paradigmatisch für die kapitalistische Gesellschaft zu sein. Kein Wunder, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in der Vergangenheit immer wieder im Zuge von Streiks die Stechuhren zerstörten, sozusagen das Symbol der Kontrolle in der kapitalistischen Produktionsweise. Welzers Essay scheint eine übergeordnete Fragestellung zu beschäftigen: warum vollziehen sich politische Veränderungen in der aktuellen Gesellschaftsformation so schleppend langsam oder kommen erst gar nicht zur Entfaltung? Warum halten die Menschen scheinbar freiwillig an einem offensichtlich gescheiterten Wachstumsparadigma fest?
Auf diese Frage ließen sich zwei Antworten formulieren: Erstens gibt es Strukturprinzipien in dieser Gesellschaft, die derart totalitär wirken, als dass die Hinterfragestellung dieser Prinzipien uns als Subjekte selbst hinterfragen würde. Zweitens basiert die kapitalistische Gesellschaft im Wesentlichen auf der konstruierten Zustimmung der Menschen zu diesem System. Was heißt das nun?

Unter Strukturprinzipien verstehe ich historisch gewachsene Bedingungen, die alle Bereiche der Gesellschaft und des Politischen bestimmen. Zu diesen Strukturprinzipien könnte man u.a. die Wertform, die Profitorientierung oder das Geschlechterverhältnis fassen. Die Strukturprinzipien sind so fest eingelassen in die Gesellschaft, dass jedwede grundsätzliche Kritik an ihnen sofort auf erboste Widerworte stößt. Fordern Menschen z.B. die Überwindung der Profitorientierung in der Wirtschaft und statt dessen eine Bedürfnisorientierung an Mensch und Umwelt, dann kann man schon die Rufe hören: das sei revolutionärer Quatsch, Utopismus! Vergessen wird dabei: diese Strukturprinzipien sind weder gottgegeben, noch in irgendeiner Art Teil der menschlichen Natur. Sie sind historisch gewachsen, wurden von Menschen geformt und könnten daher auch von Menschen weiterentwickelt werden. Das vergessen die Menschen nur allzu leicht. Einen Vorwurf kann man ihnen dabei nicht machen. Michel Foucault hat davon gesprochen, dass der Mensch bzw. das Subjekt von Beginn seiner Geburt komplett konstruiert wird. Dies entscheidet sich schon kurz nach der Geburt. Wenn im Krankenhaus entschieden wird, dass das Kind nun ein Junge oder ein Mädchen sei, dann schreibt sich das Geschlechterverhältnis automatisch in den Menschen ein. Für den Menschen ist es vollkommen selbstverständlich, dass es verschiedene Geschlechter gibt – etwas anderes hat er oder sie ja auch nicht gelernt. Und ohne dass dies bewusst geschehen würde, übernimmt der Mensch auch die anderen Strukturprinzipien in sich auf: es wird für ihn/sie selbstverständlich Waren zu tauschen bzw. zu kaufen, einen Job anzunehmen um Geld zu verdienen und die bürgerliche Gesellschaft für die beste aller denkbaren zu halten. Jedes Individuum muss sich in der Gesellschaft als Unternehmer seiner selbst begreifen, in sich investieren, sich selbst produzieren, sprich: seine eigene Biographie und eigenen Lebenslauf herstellen. Geboren ist der unternehmerische Mensch. Dies heißt, die kapitalistische Gesellschaft sorgt dafür, dass die Individuen nur diese eine Gesellschaft als die vernünftige Gesellschaft anerkennen und sich gar keine andere Welt mehr vorstellen können. Nach Antonio Gramsci nennt sich diese Form der Zustimmung Hegemonie, d.h. eine gesellschaftliche Gruppe (hier und heute die kapitalistische Klasse) hat ihre Interessen verallgemeinert und stellt sie als sinnvoll für alle da – auch wenn diese Gesellschaft nur wenigen Menschen ein gutes Leben beschert.

Denn so ganz überspitzt ist es natürlich nicht: die Menschen sehen ja, dass sie betrogen werden. Man braucht nur in die Zeitungen zu schauen und von Hungersnöten, Umweltkatastrophen, Armut und Finanzkrisen zu lesen. Oder man sieht es an sich selbst und in seinem Umfeld: gestresste und deprimierte Menschen, die einem Glück nachjagen, was ihnen versprochen wird, welches aber nie eintrifft. Welzer bringt dies schön auf den Punkt, wenn er zu Recht daran erinnert, dass früher die Arbeiterinnen und Arbeiter „mit Gewalt, also mit Knebel und Peitsche, dazu angehalten wurden, ihre 12 Stunden in der Fabrik zu verbringen“, während heutzutage der 8-Stunden-Tag zur „scheinbar natürlichen und selbstverständlichen Norm geworden“ ist. Nicht umsonst titelten im Bundestagswahlkampf alle Parteien von CDU bis Grüne mit Plakaten a la „Mehr Jobs“ schaffen. Früher wäre dieses „libinöse“ Verhältnis zur Arbeit den Menschen „ziemlich pervers vorgekommen“. Dass die Menschen betrogen werden liegt also auf der Hand, aber sie verstehen nicht warum und erkennen nicht, dass die Menschen selbst diese Verhältnisse hervor gebracht haben.

Für mich ergeben sich daher einige Schlussfolgerungen. Es kommt mir so vor, als sei die Wachstumsdebatte eine Scheindebatte. Nämlich dahingehend, dass das eigentliche Problem bzw. Wort nicht ausgesprochen wird: Kapitalismus. Das Wachstumsparadigma ist Teil der Strukturprinzipien des Kapitalismus, beides lässt sich nicht getrennt voneinander diskutieren. Jedes politische Projekt, was von sich behauptet etwas Wahres sagen zu wollen, muss sich mit diesen Prinzipien konfrontieren und sie reflektieren.

Weiterhin zeigt die Analyse von Welzer doch, dass die derzeitige politische Form am Kern des Ganzen vorbeigeht. Politische Veränderung muss auf zwei Ebenen ansetzen: bei der Veränderung der Gesellschaft und der Revolutionierung des Subjekts. Es reicht nicht aus mit staatstragenden Projekten nach vorne zu schreiten und zu hoffen die Menschen würden einfach mit machen. Wenn das Wachstumsparadigma so tief in jedem von uns verankert ist, dann löst eine Veränderung dieses Paradigmas automatisch Protest aus. Egal welche politische Partei man da herausgreifen würde, jede Politik dieser Parteien verharrt doch derzeit darauf grundlegende Probleme nicht anzusprechen. Parteipolitik ist zu mindestens zurzeit darauf fixiert die Macht im Staat und den Staat selbst zu verändern – nicht mehr, nicht weniger. Die Analyse der mentalen Infrastrukturen verweist darauf, dass Macht immer dann am stärksten ist, wenn sie unsichtbar funktioniert. Der Kapitalismus und das Wachstumsparadigma treten den Subjekten nicht vollkommen offensichtlich gegenüber, sondern der Kapitalismus schafft einen Zustand in dem die Subjekte fest davon überzeugt sind, dass das was sie denken und tun schon richtig sei.

Und nicht zuletzt resultiert dies daraus, dass in der Wachstumsdebatte ein grenzenloser Katastrophismus herrscht. Es wird gesagt, dass unsere Welt kurz vor dem Ende stehe, die ökologische Katastrophe dränge dazu schnell zu handeln und nicht das grundsätzliche Problem der Gesellschaft zu verändern. Dies stimmt ja auch im Kern, der Klimawandel wird ungeheure ökologische und soziale Folgen haben. Aber eines hat der Kapitalismus doch gezeigt: er ist extrem anpassungsfähig. Also keine Sorge, die Welt geht schon nicht unter. Ein grüner Kapitalismus könnte wahrscheinlich einen Teil der ökologischen Probleme bearbeiten, aber: auf Kosten dessen, dass mit den grundlegenden Strukturprinzipien Profitorientierung und Wachstum – in welcher Form auch immer – nicht gebrochen würde. Und man könnte sich auch fragen, ob ein ökologischer Kapitalismus nicht gerade die globale Ungerechtigkeit stabilisieren würde, ja müsste um überlebensfähig zu bleiben. Das Beschwören von Katastrophen hat noch nie politisches Handeln bestärkt, sondern gelähmt, weil diese Haltung zu einer Ausblendung der wirklichen Konflikte führt.

Denken wir Welzers Vorstellung einer Gesellschaft nach dem Wachstum also weiter als „Idee einer künftigen Gesellschaft als der Gemeinschaft freier Menschen, wie sie bei den vorhandenen technischen Mitteln möglich ist, ein Gehalt, dem bei allen Veränderungen die Treue zu wahren ist“ (Max Horkheimer).

Maximilian Pichl studiert Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften in Frankfurt am Main und ist dort Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Bis zu seinem Austritt im Jahr 2010, war er aktiv in der GRÜNEN JUGEND, u.a. im Bundesvorstand. Derzeit engagiert er sich im Arbeitskreis kritischer Jurist_innen und ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung.

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1 Kommentar

  1. Meinen Beitrag zur Debatte um Welzers Essay verbinde ich mit einigen Bemerkungen zum attac-Kongreß „Jenseits des Wachstums“, denn erst durch den Besuch der Forumsveranstaltung mit Harald Welzer bin ich auf diese Schrift gestoßen.
    Ich begrüße sowohl diesen Kongreß als auch Welzers Essay als Schritte zur Bewußtmachung der Problematik der Wachstumsgesellschaft, aber von beiden bin ich auch enttäuscht worden. Ich bin der Ansicht, daß die Herrschaftsverhältnisse das zugrundeliegende Übel sind, welches nicht nur den Wachstumszwang, sondern auch alle anderen Probleme unserer menschlichen Existenz auf diesem Planeten hervorbringen. Daß dieser Zusammenhang nicht (oder nur unzureichend) ins Bewußtsein der Gesellschaft dringt, ist normal für eine Herrschaftsgesellschaft – sonst wäre sie nicht, was sie ist. Daß aber ein Autor, der sich um kritische Distanz zum mainstream und Offenheit für Alternativen bemüht, daß ein Kongreß, der sich Gleiches zum Ziel gemacht hat, diesen Zusammenhang nicht deutlich herausstellt, sondern höchstens nebenbei zur Kenntnis nimmt, das hat mich schon sehr verblüfft. Ich konnte natürlich nur einen Teil der zahlreichen Veranstaltungen besuchen und will deshalb nicht vorschnell urteilen, aber überall da, wo ich teilnehmen konnte, hatte ich immer den selben Eindruck. Ich habe mich mehrfach an den Diskussionen beteiligt und auf diesen Zusammenhang hingewiesen, hatte aber immer den Eindruck, niemanden zu erreichen. Da ich denke, daß ich meine Worte durchaus deutlich und verständlich gewählt habe, kann ich mir diese Reaktion – bzw. Nicht-Reaktion – nur so erklären, daß eine schmerzhafte Wahrheit nicht gern erkannt und lieber verdrängt wird. Daraus folgt für mich, daß weder auf dem Kongreß noch in Welzers Schrift die entscheidende Frage – die nach den Ursachen des Wachstumszwangs – befriedigend beantwortet wurde.
    Im Forum am Samstag Nachmittag äußerte Welzer, daß ein Zeitpunkt für den Beginn der Entwicklung des Wachstumszwangs nicht angegeben werden könne – es habe so nach und nach angefangen. Ich habe ihm da widersprochen, er hat es gehört, ist aber nicht weiter darauf eingegangen. Natürlich verwundert diese Unklarheit nicht, wenn man den Zeithorizont der Betrachtung so kurz wählt, wie er es in seinem Essay tut.
    Daß das Wachstumskonzept erst seit einigen Jahren (oder Jahrzehnten) ins gesellschaftliche Bewußtsein gerückt ist, zeigt aber nur, daß dieses dem gesellschaftlichen Sein hinterherhinkt. Im Bewußtsein einzelner Menschen existiert die Problematik schon viel länger (Laudse, Buddha, …).
    In „Mentale Infrastrukturen“ schreibt Welzer (S. 12 f): „ … Wege aus dem Wachstum und Strategien hin zur postcarbonen Gesellschaft werden vorwiegend auf technologischer und ordnungs- und anreizpolitischer Ebene gesucht; Lebenswelt und Mentalitäten tauchen als Variablen in den technoiden Szenarien der <> nicht auf; in den Politikstilen der Gegenwart schon gar nicht. Deshalb scheint ein Blick auf die Genese der mentalen Infrastrukturen in den frühindustrialisierten Ländern überfällig, weil er Hinweise auf die soziologischen und psychologischen Hürden [Ich frage mich, ob das nicht soziale und psychische Hürden sind ?] und Locked-in-Strukturen geben kann, die den Umbau von der Wachstums- zur Postwachstumsgesellschaft so außerordentlich schwierig machen“ dem kann und will ich beipflichten. Wenn dann aber folgt: „ … Promotoren von Wachstumsvorstellungen liegen mithin auch im Markt, in der Wissenschaft, im Kolonialismus und nicht nur in der Energieerzeugung, …“, dann weiß ich nicht, wie ich mir erklären soll, daß der Hauptfaktor Herrschaft gar nicht erwähnt wird.In der Diskussion um die Wachstumsfaktoren wird außer den obigen noch manches aufgeführt: Bevölkerungswachstum, Geldsystem, protestantische Ethik, … . Ich behaupte, keiner dieser Begriffe bezeichnet Wachstumsfaktoren per se, nicht der Markt, nicht das Geldsystem, nicht die Bevölkerungsentwicklung und nichteinmal der Kolonialismus (usw.). Alle diese Erscheinungen werden erst unter Herrschaftsverhältnissen zu Faktoren des Wachstumszwanges.
    Herrschaft = Wachstumszwang !
    Herrschaftsgesellschaften können nur wachsen oder zugrunde gehen.
    Herrschaft tendiert zwangsläufig zum Absoluten (also zur Weltherrschaft).
    In Herrschaftsgesellschaften werden die menschlichen Grundbedürfnisse nach Freiheit und gegenseitiger Anerkennung nicht befriedigt; stattdessen werden Ersatzbefriedigungen geboten. Daraus folgt die Dynamik der Sucht, die keine natürlichen Grenzen kennt, außer der Selbstzerstörung. Welche Droge dabei konsumiert wird, ist gleichgültig, es kann Heroin sein oder Arbeit, Fernsehunterhaltung oder eben Konsum.
    Die Versuche, unser zwanghaftes Wachstum zu beschränken, indem man an dem einen oder anderen Symptom herumdoktert, können nicht zum Erfolg führen, wenn nicht die Herrschaft als das zugrunde liegende Übel der menschlichen Gesellschaften beseitigt wird, welches soweit man das heute sehen kann, vor ca. 8000 Jahren mit der Erfindung des Patriarchats begonnen hat.
    Seit dem kann man die Symptome zwanghaften Wachstums in menschlichen Gesellschaften nachweisen, auch wenn sie im Bewußtsein dieser Gesellschaften unter anderen Namen und im Kontext anderer Vorstellungen als unserer heutigen firmieren.

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum