Mareike R.: Die Transformation vor meinem Fenster « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Mareike R.: Die Transformation vor meinem Fenster

14. Juni 2011, von

Nun, ich schau die ganze Welt mit meinen eigenen Augen an!

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Stadt …. „Nein!“ schreit das Mädchen mit dem knall blau-gepunkteten Shirt, „Ich bin jetzt dran“. Direkt vor meinen Füßen spielen Kinder Hüpfekästchen, alte Frauen schauen ihnen zu und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Blick schweift nach links, ein junger Mann gräbt mit einer Schaufel seinen Garten um, er pfeift: „Ich war noch niemals in New York, Ich war noch niemals auf Hawaii…“. Seit kurzem verkauft er sein selbst-angebautes Gemüse. Von links dringt Saxophonmusik an meine Ohren, dass vor ein paar Jahren stillgelegte Schwimmbad füllt sich mit neuem Leben, der junge Musiker aus Amsterdam probt für seinen Auftritt. Paula eine junge Ingenieurin werkelt an ihren energieeffizienten Dämmstoffen.

Doch was ist dass? „Wrumm, Wrumm, Huuuupp“ Lärm stört meine selige Ruhe. Ich öffne die Augen und kann es nicht fassen ein großes Stahlgefährt rast an meinem Fenster vorbei, der Traum ist geplatzt, keine Kinder auf der Straße, kein Grün, keine jungen Menschen.

Und doch, ich lehne mich in meinem Schaukelstuhl zurück, schließe wieder die Augen, stecke Ohropax in die Ohren und denke nach, war alles nur ein Traum oder gibt es sie doch diese Utopie von der ruhigen, langsamen, nachhaltigen Welt oder ist es vielleicht schon längst zu spät?

Ich denke an den den slow food Laden am Ende der Straße, das Kiezgeld in meiner Tasche, junge Studenten düsen auf Elektrofahrrädern vorbei? Und dann denke ich an Eline die sich in Lyon für einen ökologischen Gemeinschaftsgarten einsetzt. Piotr der mit allen Mitteln in Polen für Fahrradwege kämpft. Paul der sich in Afrika für den Erhalt der Natur einsetzt und gegen die Regierung auf die Straße geht.

Bedienungsanleitung für eine Transformation

Welzer beschäftigt sich in seinem Essay mit der Frage wie kann das Denken von der starken Wachstumsperspektive abgewendet werden? Seiner Meinung nach kann dies nur durch eine Transformation des Denkens im Kleinen erreicht werden. Was bedeutet eine solche Transformation im Kleinen? Eine Transformation bedeutet meiner Meinung nach eine Veränderung, hin zu einer abschließenden Installation neuer kultureller Gedankenmuster die einher gehen mit einem veränderten Lebensstil und einem nachhaltigen Konsumverhalten, welches bei uns selbst beginnt.

Die durch Welzer dargestellte Transformation stellt die Grundvoraussetzung für das Gedankenexperiment zur post-carbon Gesellschaft dar – ohne diese Veränderung im Denken der Menschen gibt es keine nachhaltige Veränderung. Erst die Transformation im Denken kann eine Veränderung im Verhalten bewirken. So können technische Innovationen auch nur dann effizient bedient werden, wenn Menschen deren Bedienung verstehen. Ein Plusenergiehaus kann nur dann Strom produzieren, wenn die Benutzer auch wissen wie man es bedienen muss.

Wir müssen uns selbst zum/r BürgerIn machen“ und an diesem Prozess teilhaben – ohne uns geht es nicht. Das bedeutet grundsätzlich so zu handeln wie es Eline, Piotr und die anderen vormachen, aktiv an der Zivilgesellschaft teilnehmen, kritisches Infrage-stellen, reflektieren, Innovationen fördern und entwickeln. Wir BürgerInnen müssen aus der passiven Rolle – „der Staat wird es schon richten“ – herauskommen. Es ist die Stunde der BürgerInnen. Wichtig dabei ist, das die Vernetzung unterschiedlicher AkteurInnen Räume schaffen um technische und soziale Experimente zu wagen. Zugpferde dieses Prozesses sind BürgerInnen, die ein neues Konsumverhalten und neue Lebenskonzepte vorleben: LOHAS, KünstlerInnen spielen hier eine wichtige Rolle.

Mareike: Die Transformation vor meinem Fenster

Mareike: Die Transformation vor meinem Fenster

Die Frage nach der Effektivität

Ja, bis jetzt hört sich das ja alles nachvollziehbar an. Die Frage ist jedoch wie effektiv ist eine solche Transformation im Kleinen? Um in der Öffentlichkeit als Statement wahrgenommen zu werden, müssten in der nächsten Zeit Projekte aus dem Boden wachsen, wie meine Kresse auf der Fensterbank. Zweifelnde Fragen kommen auf …. Diese sollen jedoch zunächst auf die Seite geschoben werden, denn eine Frage drängt sich viel eher auf: Welche Alternativen gibt es zu Welzer´s Vorschlag und gibt es überhaupt eine realistische? Nein, gibt es nicht. Autoritäre Regime können eine nachhaltige kulturelle Revolution, die uns zu einer low-carbon Gesellschaft führt, nicht bewirken. Vielmehr ist ein breites demokratisches Fundament ausschlaggebend und nachhaltig.

In meinem Traum

Das Mädchen mit dem blau-gepunkteten Shirt ruft zu mir hoch, ich solle herunter kommen und mitspielen, „Nun bist Du dran!“ ruft sie!

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1 Kommentar

  1. „Es ist die Stunde der BürgerInnen“ schreibst Du, und appellierst dabei an Partizipation und Engagement. Fein. Auch dein Schlusssatz bekräftigt dies noch einmal und geht darüber hinaus: „Vielmehr ist ein breites demokratisches Fundament ausschlaggebend und nachhaltig.“ Demokratisch. Richtig. MitbestimmungsRECHTE und GLEICHHEIT der Meinungen sind also auch wichtig. Ich kann mich da nur sehr stark anschließen und denke auch, dass der bloße Appell an die Menschen nicht reicht. Es müssen die Strukturen so verändert werden, dass wir alle demokratisch teilhaben können und wollen. Die Konsequenz daraus sehe ich aber ander: nicht die LOHAS usw. können diesen Wandel von unten herbeiführen, zumindest nicht alleine. Dafür sind sich zumindest die LOHAS viel zu schick. Die kümmert es wenig, wenn Energiearmut sich auf dem Land breit macht oder Sanierungen Leute an die Ränder der Städte drängen. Das wachstumsarme Leben der LOHAS ist reflexiv; es geht immer nur darum, wie ICH mich verändere, was ICH konsumiere und wie ICH dadurch die Welt rette. An die Allgemeinheit denkt ein einzelner Mensch nie ausreichend, dazu bedarf es einer überindividuellen Instanz. Das kann eine Gemeinschaft oder Gesellschaft sein, am sinnvollsten der demokratische Staat. Er muss die Freiräume, welche Du ja auch forderst, erst schaffen, damit sich dort sowohl LOHAS als auch Wachstumbefriedigte aufhalten können. Der Staat ist nicht die Antwort unserer Probleme, aber ohne ihn ist die kulturelle Revolution da, wo das Mädchen mit dem blau-gepunkteten Shirt ist: nur im Kopf.

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum