Lukas Rantzau: Bericht vom Attac Kongress « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Lukas Rantzau: Bericht vom Attac Kongress

28. Juni 2011, von

Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)

Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)

Vom 20.-22. Mai 2010 fand in Berlin ein großer Kongress zur Wachstumsfrage statt. Diesen hat Attac in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und weiteren politischen Stiftungen (RLS, FES, OBS) organisiert. Wir schickten einige unserer Stipendiat_innen dahin. Hier ein Bericht:

Der von Attac organisierte Kongress unter dem Titel „Jenseits des Wachstums?!“ zog am vergangenen Wochenende vom 20. bis zum 22. Mai zahlreiche Interessierte an die TU Berlin. Die Organisatoren hatten mit etwa 1500 Teilnehmern gerechnet. Am Ende kamen Schätzungen zu Folge 2500 Menschen – obwohl zeitgleich an der Humboldt Universität ein Marx-Kongress stattfand. So war wohl nur das Programmheft noch voller, als die Hörsäle der Universität an der Straße des 17. Juni.

Die Veranstalter luden zu unzähligen Panel-Diskussionen und Workshops, mit denen sich auch eine ganze Woche Kongressprogramm problemlos hätte füllen lassen. Die Besucher waren vor die schwierige Entscheidung gestellt, welcher der parallel laufenden Veranstaltungen sie nun beiwohnen würden. An Dozenten mit anerkannter Reputation und Diskussionsrunden mit vielversprechenden Titeln mangelte es dabei gewiss nicht. Auf eine Weise veranschaulichte der Kongress so die Grenzen seines eigenen Wachstums: Mancher Besucher warf offen die Frage auf, ob man sich nicht vielleicht etwas zu viel vorgenommen habe, an diesem sonnigen Wochenende im Mai. Der Einzelne hat nur einen kleinen Ausschnitt der Veranstaltung wahrnehmen können.

Aus dieser persönlichen Perspektive ist so auch dieser Bericht verfasst. Der Kongress war bereits auf dem Konsens aufgebaut, die Wachstumsideologie gehöre ideengeschichtlich in die Vergangenheit. Das Ausrufezeichen im Titel war in der Programmgestaltung von mehr Gewicht als das Fragezeichen. Grundsätzlich wird die Wachstumsdebatte schon geführt seit der Club of Rome 1972 seinen „The Limits of Growth“ Bericht veröffentlichte. Was ist nun also neu? Rhetorisch stark gelang es vielen Dozenten die zahlreichen Probleme der Wachstumsgesellschaft auf den Punkt zu bringen und anschaulich darzustellen (z.B. Alberto Acosta und Vandana Shiva). Aus unterschiedlichen Perspektiven wurden zahlreiche soziale und ökologische Unzulänglichkeiten der Welt- und Werteordnung des 21. Jahrhunderts dargestellt. Soziologen, Psychologen, Ökonomen, Politikwissenschaftler und Praktiker mit vielfältigen fachlichen Hintergründen trugen interessante Ideen und Forschungsansätze vor. Dabei wurden interessante Antworten auf die Fragen der Wachstumszwänge im gegenwärtigen Wirtschaftssystem (hierzu besonders: Nico Paech) und der soziopsychologischen Verfasstheit (hierzu: Harald Welzer) unserer Zeit dargestellt.

Dass die Tage des Wachstumsparadigmas schon aufgrund der äußeren, ökologischen Umstände gezählt sind, daran zweifeln wohl nur noch wenige. Doch überzeugende Erklärungen, warum ein grundsätzliches Umdenken schon seit Jahrzehnten auf sich warten lässt, sind nach wie vor Mangelware. Vertreter des Green New Deal, die ihren Überlegungen die Frage der Machbarkeit zu Grunde legen, zählten auf dem Kongress schon ins konservative Lager. Eine wirklich produktive Debatte blieb so leider oft aus und in manchen Diskussionen probten sich die Referenten darin, sich an Radikalität gegenseitig zu übertrumpfen. Dennoch gingen am Ende wohl alle zufrieden nach Hause. Der Kongress ist Teil einer wichtigen und drängenden Debatte, welche in weiten Teilen der Gesellschaft geführt werden muss. Insofern kommt der Veranstaltung mit Sicherheit eine Multiplikator Funktion zu, da er viele Köpfe um die eine oder andere Idee bereichert hat. Schnelle und einfache Antworten sind im Angesicht der umfassenden und grundsätzlichen Transformationen, welche die Umstände immer dringender fordern, nicht zu erwarten. Der befruchtete Diskurs wird aber mit neuen und spannenden Ideen wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Lukas Rantzau ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und studiert in Dresden Internationale Beziehungen. Er denkt bei allen Personen- und Berufsbezeichnungen stets die weibliche Form mit.

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1 Kommentar

  1. […] Fragen geht weiter. Er wurde durch Publikationen (z.B. von Tim Jackson, Harald Welzer), den Attac-Kongress und die vielen neuen Foren des Gedankenaustausches – von der Enquêtekommission des Deutschen […]

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum