Kritik an Welzer: Ohne Politik geht auch nix! « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Kritik an Welzer: Ohne Politik geht auch nix!

27. Juli 2011, von

Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)

Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)

Das Essay von Harald Welzer erntete beim Attac-Kongress viel Applaus, auch dafür, dass es „die Politik“ als unzureichend und fehlgeleitet in eine Ecke abschob und mit dem Aufruf zu „jetzt mal Kultur!“ bei vielen linken Seelen die Hoffnung auf eine neue umfassende Strategie zu erwecken schien. So richtig der Ansatz von Welzer ist, die kulturelle Komponente des Wachstumsdilemmas anzugehen, so kritisch finde ich sein dahinter liegendes Politikverständnis. Gerade in einer Demokratie ist Politik immer etwas, das von allen gestaltet wird und nicht eine Sphäre irgendwo da draußen ist.

Das Missverständnis wird gleich zu Beginn des Textes festgeschrieben. Der Wachstumsbegriff habe eine „nachgerade magische Bedeutung, die ihm die Politik als Allheilmittel […] zuschreibt“ (S. 11). Wer soll hier bitte „die Politik“ sein? Dass wirtschaftliche Akteur/-innen im Wachstum – auf Grund von eigener Empirie und Profitstreben – das Allheilmittel sehen, ist verständlich, ja sogar rational. Die Politik hingegen ist in einem magischen Bann, wie es scheint. Auch Magie wirkt aber auf der Ebene des Individuums und – siehe da – auch Politiker/innen sind Menschen! Die von Welzer gemeinte Bedeutungszuweisung beruht also ebenfalls auf den kollektiven und individuellen mentalen Infrastrukturen im Politikbetrieb. Auch hier gibt es jedoch wachstumskritische Stimmen, selbst wenn Welzer diese ignoriert (s. ibid). Einige Abgeordnete sind durchaus bereit, über Schrumpfung oder zumindest steady-state zu sprechen oder dies sogar zu fordern. Sie werden jedoch zu oft zurück gepfiffen und benötigen den bestärkenden Zuspruch der wachstumskritischen Bewegung anstatt sie in einen Topf mit Neoliberalen oder Altkeynesianer/innen zu werfen. Der Anspruch, alleine gegen ein monolithisches System von ewig-wachsenden Windmühlen zu kämpfen, dreht das Verhältnis Mensch-Politik auf den Kopf. Auch sind es nicht die Politiker/innen, welche  „unwidersprochen behaupten, diese oder jene Entscheidung sei «alternativlos»“ (S. 41), sondern die ihnen ins Ohr flüsternden Expert/innen. Diese – und zu ihnen gehört ja auch Professor Welzer – sind aber in einer Welt der überkomplexen Lebensverhältnisse nötig. Das Problem sind die mentalen Sackgassen in deren Köpfen (siehe dazu den Beitrag von Hannes Böhm).

Halten wir fest: „Die Politik“ sind Menschen und als solche genauso Adressat/innen von Welzers Appell, nicht Gegner/innen.

 

Ich wäre auch vorsichtiger als Welzer mit der Kritik der „unseligen Koalitionen“ (S. 42) zwischen Politik und Expertokratie. Gerade die Sicht des Weltklimarates (IPCC) hat zu mehr Klimaschutz (in den Köpfen) beigetragen, mehr als die Klimabewegung mit Aktionen je hätte schaffen können. Es macht wenig Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Welzer hat zwar Recht, wenn er kritisiert: „Lebenswelt und Mentalitäten tauchen als Variablen in den technoiden Szenarien der «Dritten Industriellen Revolution» nicht auf“ (S. 12). Aber warum denn bitte nicht? Doch nicht, weil „die Politik“ oder „die da oben“ das nicht sehen (Ausnahmen bestätigen die Regel) oder weil „die Expert/innen“ dort eine Denklücke haben. Die Mentalitätsperspektive wird nicht ausreichend aufgegriffen, weil Politiker/innen aller Parteien einfach Angst vor Stimmverlusten haben. Wir leben in einer Demokratie – so geschunden sie auch sein mag – und in dieser müssen die Menschen überzeugt werden. Von der Politik eine Zugpferdwirkung zu erwarten ist mit der Kritik am Obrigkeitsstaat schlecht vereinbar. Politische Maßnahmen dürfen nicht zu viel Zwang entwickeln, wenn sie erfolgreich sein wollen. Genauso wenig dürfen sie aber nur in Appellen enden – wie etwa: „Sei hip, sei cool, entschleunige Dich!“. Sie müssen mit Argumenten überzeugen, Rückhalt in der Bevölkerung haben und gleichzeitig ordnungspolitische Anreize setzen.

Halten wir fest: Politik und Bürger/innen stehen in einem Wechselspiel, deren Grundlage die mentalen Infrastrukturen aller beteiligter Akteur/innen sind.

 

Das Hauptplädoyer des Essays liegt darin, in konkreter aber kleinteiliger Praxis Alternativen zu entwerfen und zu leben. Welzer setzt sich damit zu Nico Paech in den Schrebergarten des Postwachstums, oder? Nicht ganz, denn er hat das Problem erkannt. Obwohl der/die Leser/in zum Schluss v.a. die Aufforderung zur Kleinteiligkeit im Hirn haften bleibt, verweist Welzer darauf, dass es etwas Umfassenderes geben muss. Doch wo der normale Mensch nun den Gesetzgeber, die Politik oder irgendetwas in der Art vermutet hat, strebt Welzer nach einer offenbar einheitsstiftenden Zivilreligion o.ä., welche den „Gegenentwurf zum Dystopia der Wachstumsgesellschaften“ mit sich bringt und zugleich eine „umschließende politische Programmatik“ besitzt (S. 41). Warum will sich Welzer, statt rationale Politik und konkrete (politischen) Forderungen zu erheben, auf diesen Holzweg begeben?

„Woran es fehlt, ist eine Vision, die emotional und identitätsträchtig ist, eine Formulierung der Frage, wie man im Jahr 2025 eigentlich leben möchte. Wohlgemerkt, schon allein das Stellen dieser Frage würde den Horizont gegenüber der politischen Kultur der vorgeblichen «Alternativlosigkeit» und der Wachstumsreligion erheblich weiten – denn schnell würde ja klar werden, dass Wachstum nicht die Antwort auf diese Frage sein kann.“ (S. 40)

Welzer hat Recht, wenn er bemängelt, dass die politische Kultur nicht ausreichend auf die Zukunft ausgerichtet ist. Es werden immer sofort Resultate verlangt: Eine gute Schlagzeile heute ist mehr wert als eine nachhaltige Produktionsweise in 20 Jahren. So oder so ähnlich erscheint mir der politische Zirkus. Doch gleichzeitig geben Politiker/innen in ihren Versprechungen immer wieder Referenz auf die Zukunft, nämlich wenn sie von dem sprechen, was im Falle eines Wahlsieges alles besser werden wird. Es ist also zu kurz gedacht von Welzer, einfach „die Zukunft wieder [zu] eine[r] Kategorie des Politischen [zu machen]“ und damit eine „neue Leitvorstellung“ (S. 42) zu formieren. Ideologien á la „morgen wird alles besser“ gibt und gab es genug. Hier sollte Welzer die Kleinteiligkeit statt einer Verschlagwortung anwenden, welche ich ihm oben gerne vorhalte.

Ich stimme mit ihm überein, wenn er alleine das Stellen der richtigen Frage als Erweiterung des Horizontes erkennt. Das sagt ja auch die Einleitung zu diesem Blog und deshalb gab es den attac-Kongress im Mai: der Beginn dieser Debatte an sich hat einen Wert und kann den Stein ins Rollen bringen. Wie weit er dann rollt ist aber auch davon abhängig, wie politisch die Debatte dann wird und ob sie die Diskurshoheit gewinnen kann.

An einer anderen Stelle gibt Welzer wiederum zu, dass nur Reden bzw.  ein kultureller Ansatz vielleicht doch nicht ausreicht. Die politische, ökonomische und industrielle Praxis muss sich verändern, denn sie hat die mentalen Infrastrukturen geformt.

„Der Habitus, die Gefühle und die Denkformen des ökonomischen Menschen haben sich nicht durch kognitive Operationen verändert, die Aufklärer entworfen und gefordert haben, sondern durch die ökonomische, industrielle und politische Praxis der sich entwickelnden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Wollte man also etwas an den mentalen Infrastrukturen verändern, müsste man die Praxis selbst verändern, die eben das Bewusstsein so nachhaltig und tief prägt, dass man sogar, wie Autoliebhaber stolz sagen, «Benzin im Blut» haben kann.“ (S. 39)

Später ordnet er das auch der politischen Sphäre unter, wenn geschrieben steht, dass „Ökonomie und Technologie […] nur so klug oder so dumm [sind] wie die politische Figuration, in der sie wirksam werden“ (S. 42).

Halten wir fest: Die Politik muss verändert werden, da sie elementar für den kulturellen Wandel und damit für die nötige Transformation der Gesellschaft ist.

 

Aber widerspricht Welzer dem wirklich oder hat er nur ein anderes theoretisches Modell? Warum kämpft er „die Politik“ so nieder, wenn er doch im Inneren zu wissen scheint, dass ohne sie kein Fortschritt (auch nicht in seinem Sinne!) zu haben ist? Warum ignoriert er die bestehenden Post-Wachstums-Ansätze von Denkern wie Tim Jackson, der mit Ideen wie u.a. Abwendung vom BIP, ökologischer Finanzreform oder Einschränkung der Werbung konkrete politische Ideen zur Änderung unserer gesellschaftlichen Logik hat? Warum verweist so vieles in Welzers Essay auf die unsterbliche Verbindung von Habitus und Habitat, wie sie der große Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben hat, ohne auf diese Interdependenz – auf diesen teuflischen Kreislauf – zu verweisen? Genau wie ein Sinneswandel, so kann auch fortschrittliche Politik (z.B. durch eine die Menschen mitnehmende ökologische Transformation) eine Chance zum Ausbrechen sein. Wer  skeptisch auf die Unfähigkeit der Politik blickt, sollte diese – demokratisch – verändern und sich nicht um sie herum winden.

Georg P. Kössler: ist Referent für Internationale Klima- und Energiepolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung und betreut auch diesen Blog. Privat engagiert er sich politisch wie auch gesellschaftlich.

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1 Kommentar

  1. […] die Zeit vor dem „bürgerlich-kapitalistischen“ Zeitalter indirekt zu glorifizieren scheint und meine Kritik an Welzers Politikverständnis generell habe ich schon geäußert. Interessant war aber der Gedanke, wie „schwierig [es ist,] […]

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Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum