Sebastian Werner: Anpassung und Überleben « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Sebastian Werner: Anpassung und Überleben

13. September 2011, von

Betrachtet man die Natur, so stellt man relativ schnell fest, dass alle Lebensformen in Einklang mit ihrer Umgebung leben. Der Mensch tut dies nicht.
Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen an die sie umgebenden Bedingungen angepasst, um überleben zu können bzw. „gut“ überleben zu können. Der Nebeneffekt dieser Anpassung ist, dass sich alles im Gleichgewicht befindet und jedes Tier und jede Pflanze eine „Funktion“ erfüllt und für das „Überleben“ des „Organismus Natur“ sorgt. Zentrale Punkte in der Natur sind somit Anpassung und Überleben.
Betrachtet man uns Menschen (in dem begrenztem Maße, wie das bei einer retrospektiven Betrachtung möglich ist), so fallen wir aus dem Rahmen. Ob wir nun angepasst an unsere Umwelt leben, darüber ließe sich wohl eine lange Debatte führen. Ich denke, wir tun es nicht. Zwar ist es uns gelungen aufgrund unseres „natürlichen“ Verstandes Technologien zu entwickeln, die es uns im Laufe der Jahrhunderten ermöglichten, jeglichen Flecken Erde auf diesem Planeten bewohnbar zu machen und unsere persönlichen Lebensbedingungen erheblich zu erleichtern. Dabei bedienten und bedienen wir uns allerdings oft auf zerstörerische und unnatürliche Art und Weise der Schätze unserer Natur. Anstatt angepasst, leben wir auf Kosten unserer Natur.

Der Punkt „Überleben“ spielt in unserer heutigen Gesellschaft nur noch eine untergeordnete Rolle. Natürlich besitzen wir alle einen Überlebensinstinkt, der wohl stärker als alle anderen Instinkte ist. Aber dieser schaltet sich nur in Notsituationen ein und diese gibt es gerade in unserer heutigen modernen Gesellschaft nicht. Es gibt – zumindest in den reichen Industrieländern- kein Hungerproblem und keine wilden Tiere, vor denen wir uns schützen müssten. Viele Krankheiten können wir heilen oder insofern in den Griff bekommen, dass ein erträgliches Leben bis ins hohe Alter möglich ist. Dies ist eine außerordentlich hohe Errungenschaft, derer wir uns aber meistens gar nicht bewusst sind. Alle anderen Lebewesen kämpfen täglich um ihr Überleben, während wir in unserem Alltag nach Erfolg, Karriere, Geld und Selbstverwirklichung streben. Wir nennen das Ganze dann Wohlstand oder Glück und rennen ihm unser ganzes Leben lang hinterher. Auf unserer gedankenlosen Jagd nach abstrakten Begriffen und etwas Papier fügen wir fast immer uns selbst und den Menschen, die uns umgeben, Schaden zu. Wir betrachten uns als losgelöst von der Natur, sind es jedoch nicht.
Dies einen natürlichen Vorgang zu nennen, halte ich für falsch. Es ist nicht natürlich, nach sozialer Anerkennung oder Selbstverwirklichung zu streben, wenn Grundbedürfnisse befriedigt sind. Es ist nicht natürlich, sich selbst äußeren Zwängen (auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann) zu unterwerfen, um in einer Gesellschaft seinen Platz zu finden.
Es ist vielleicht menschlich, aber nicht natürlich. Und dessen sollten wir uns bewusst werden! Unser großer Vorteil ist, dass wir zwar der größte Feind unserer eigenen Natur sind, aber auch ihr einziges Gewissen. Anders ausgedrückt: Wir handeln zwar gedankenlos, können uns aber dieses gedankenlosen Handeln bewusst werden und lernen anders zu handeln.

Wenn wir wieder im Einklang mit unserer Natur leben möchten, dann müssen wir weg von abstrakten Begriffen wie Wohlstand, Wachstum und Glück. Anpassung und Überleben gehören in den Vordergrund. Und da beginnt das Problem. Wir sind keine Jäger und Sammler mehr, die morgens ausziehen, damit sie abends nicht mehr hungrig sind. Die in Gruppen leben, damit sie sich besser gegen wilde Tiere verteidigen können. In seinem neuen Buch „Das kalte Herz“ schreibt Werner Schmidbauer, dass der Homo sapiens seit seiner Entstehung schätzungsweise 95 % seiner Zeit als Jäger und Sammler gelebt hat. Weiterhin schreibt er: „die Periode seit der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht, seit dem Beginn der Geschichtsschreibung hat den biologisch-genetischen Typus des Menschen nicht mehr verändert.“ (Schmidbauer, 2011). Unsere Natur sieht also eigentlich vor, dass wir wie Jäger und Sammler leben. Dies jedoch zu fordern, wäre reine Utopie. Mehr als 10.000 Jahre uns bekannte Kulturgeschichte haben uns vielleicht biologisch nicht verändert, aber geistig unwiderstößlich geprägt und die von Harald Welzer beschriebenen mentalen Infrastrukturen geschaffen. Diese niederzureißen und sich in die Natur zurück zu ziehen, ist einen in der modernen Zivilisation geborenen Menschen eigentlich nicht möglich. Zu stark sind die Fundamente dieser Strukturen, als dass sie sich einreißen ließen.

Wenn wir also weg von abstrakten Begriffen wie Wohlstand, Wachstum und Glück wollen, so können wir nicht den Weg zurück zu einem Jäger-und-Sammler-Dasein einschlagen. Doch wir können uns bewusst machen, wie wir eigentlich einmal gelebt haben und uns wieder mehr in diese Richtung bewegen. Wir können uns bewusst machen, was jahrtausendelang zentrale Elemente unseres Daseins waren – z.B. (gut zu) Überleben und Anpassung – und uns wieder mehr nach ihnen richten. Wir würden feststellen, dass viele materielle Werte in unserem Leben unnötig sind und von unserem selbst zentrierten Verhalten abrücken.
Was hindert uns daran? Nichts, doch den Weg des Bewusstwerdens muss jeder für sich selbst einschlagen. Und an diesem Punkt kommen wir in der Wachstumsdebatte nicht weiter. Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem, was wir in letzter Instanz nur durch eine Veränderung jedes einzelnen lösen können. Der Notwendigkeit dieser Veränderung muss sich jeder selbst bewusst werden.
Kann man dieses Problem überhaupt lösen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich bei mir selbst anfangen kann. Von der Politik und der Gesellschaft erwarte ich, dass sie Anstöße gibt bzw. Menschen dazu ermuntert, den Weg des Bewusstwerdens einzuschlagen. Anstatt reiner Wissensvermittlung würde ich mir zum Beispiel wünschen, dass man in unseren Bildungsstätten junge Menschen dabei helfen würde, sich selbst „zu finden“. Ein sogenanntes „Sinnfach“ wäre von Nöten. Diese Aufgabe religiösen Institutionen zukommen zu lassen halte ich für fatal, versuchen diese doch immer, den Menschen in gewisser Weise zu formen und ihm neue Zwänge aufzubürden.

Wenn wir es schaffen würden, dass mehr Menschen im Einklang mit sich selbst und der Natur ihren richtigen Platz auf dieser Erde finden würden, wäre viel getan. Eine gigantische Aufgabe.

Sebastian Werner studiert Maschinenbau an der TU Darmstadt. In seinem Masterstudium spezialisiert er sich auf erneuerbare Energien und Abfallentsorgung. Mit Wachstumskritik beschäftigt er sich seit seiner Teilnahme am ATTAC-Kongress „Jenseits des Wachstums“. Zurzeit befindet sich Sebastian Werner zwecks eines Auslandsstudiums in Rio de Janeiro / Brasilien.

Tags: , , ,

Weitere Artikel

Comments are closed.

Sorry, the comment form is closed at this time.

Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

Mitmachen? / Participate?

Du kannst bei dieser Blogdiskussion mitmachen! Kommentiere die Artikel oder reichen Deinen eigenen Artikel bei koessler@boell.de ein. / You can participate in this blog-discussion! Just comment any of the articles or send your own contribution to koessler@boell.de.

Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum