Ende dieses Debattenblogs. Doch ein erster Schritt ist getan. « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Ende dieses Debattenblogs. Doch ein erster Schritt ist getan.

24. September 2011, von

Das Debattenblog „Immer Mehr?!“ lief einen Sommer lang und versammelte junge, kritische Gedanken zu den Thesen Harald Welzers und zur wieder aufgeflammten Wachstumsdiskussion. Planmäßig werden keine neuen Beiträge erscheinen und die Kommentarfunktion wird abgeschaltet. Doch der Streit über die angesprochenen Fragen geht weiter. Er wurde durch Publikationen (z.B. von Tim Jackson, Harald Welzer), den Attac-Kongress und die vielen neuen Foren des Gedankenaustausches – von der Enquêtekommission des Deutschen Bundestages bis hin zu diesem kleinen Blog – beflügelt und bereichert.
„Immer mehr?!“ schaffte es dabei als m.E. einzige Plattform, dezidiert junge Stimmen zum Thema Wachstum und Lebensstile zu versammeln. Es war sinnvoll, die Debatte am Beitrag Harald Welzers aufzuziehen, bietet er doch ein Verständnis für die Fragen vieler Jugendlicher: warum sind sie und die Welt um sie herum trotz besseren Wissens so sehr auf Akkumulation ausgelegt ist. David Rinnert sprich in seinem Beitrag das Gefühl eigener Beklommenheit an, welches uns oft überkommt: Lebe ich so, wie ich es für richtig halte? Er fragt sich, ob er nicht auch dem „Selbstausbeutungsfetisch“ einer Immer-Mehr-Generation erliegt. Anhand seines eigenen Umfeldes beschreibt er, wie sich die Menschen immer weiter „flexibilisieren und globalisieren“ und trifft dabei den Nerv der Zeit. Es geht nicht mehr nur um den bloßen Verbrauch von Ressourcen, sondern um die mentale Zügellosigkeit und die einen selber auffressenden Ansprüche. Dabei steht nichtmehr nur ein seiner Ressourcen beraubter Planet im Mittelpunkt der Argumentation, sondern die Zukunft des Subjekts. Die zunehmende Unsicherheit wie das Selbst sich in einigen Jahrzehnten darstellt übt einen enormen Druck auf das Individuum aus und lässt es weiter nach „immer mehr“ streben. David lässt bewusst offen, wie die praktische Lösung aus diesem Dilemma aussehen kann und geht durch das analysieren und hinterfragen doch schon den ersten Schritt.
Den Kritischen Blick muss sich auch Hannes erhalten. Er beschreibt wie er nach zwei Semestern VWL aufgehört hat, das Wort „Gewinnmaximierung“ zu hinterfragen. Dennoch denkt er weiterhin mit und über das von ihm ansehnlich beschriebene Korsett der heutigen Wirtschaftswissenschaften hinaus. Es bleibt zu hoffen, dass mehr Menschen in diesem vitalen Bereich den Keim der Wachstumskritik in sich tragen.
Wie so viele beginnt auch Hannah ihren Text mit selbstkritischen Gedanken und fügt hinzu, dass die Notwendige Einsicht in die Folgen des eigenen Dranges nach „immer mehr“ den Menschen in einer komplexen Welt immer weiter verborgen bleiben: „Den eigenen Lebensstil mit dem Leiden vieler anderer Menschen direkt in Verbindung zu bringen, ist eine Herausforderung, die Reflexion und Einsicht erfordert.“ Eine andere Herangehensweise hat Markeike. Sie argumentiert weniger für das Verstehen, als fürs Träumen und den Versuch, eigene Visionen praktisch – vor dem eigenen Fenster! – umzusetzen. Dabei unterlässt sie es nicht, auf die Begrenztheit dieser Strategie zu verweisen („Um in der Öffentlichkeit als Statement wahrgenommen zu werden, müssten in der nächsten Zeit Projekte aus dem Boden wachsen, wie meine Kresse auf der Fensterbank.“) und ist damit deutlicher als Welzer. Dennoch sieht sie keine (demokratische) Alternative zu diesen vielen kleinen Schritte. Kritisch sehe ich daran den Optimismus in die derzeitigen Akteure. Zumindest die Frage, ob nicht eine überindividuelle Instanz (seien es lokale Gemeinschaften oder internationale Abkommen) einzelne Handlungen und Träume erst wirklich breit wirken lassen, sollte beantwortet werden. Sebastian sieht das wohl anders. Er plädiert dafür, dass sich „Der Notwendigkeit dieser Veränderung […] jeder selbst bewusst werden [muss].“ Denn nur so kommen wir zurück zum Leben als „Überleben und Anpassung“, wie einst. Nicht praktisch, aber mental wäre es sinnvoll, stärker zu überlegen, was wir eigentlich brauchen und wie wir uns an die Natur anpassen sollten.

Warum es nun so wichtig ist, dass gerade junge Menschen über die Problematik des Wachstums nachdenken, erklärt die Sprecherin der Grünen Jugend, Gesine Agena. In ihrem Ruf „Wir sind doch die Generation, von der die Grünen einst sagten, sie sich die Erde „nur geborgt“ haben“ klingt der Vorwurf mit, dass durch mangelndes Bewusstsein auch bei den Grünen, die Vorsorgepflicht vernachlässigt wird. Vorsorge heißt weg vom Wachstum, für sie. Gesine tritt mit ihrer Forderung nach einer Veränderung der kapitalistischen Logik dann auch konsequent aus der mentalen Arena in die politische. Somit stehen auch andere Mechanismen zur Verfügung, aus welchen sie bewusst provokant die Umverteilung erwähnt. Diese Art der Verknüpfung von sozialem Anspruch und ökologischer Notwendigkeit scheint aber eher für den Umgang mit den Auswüchsen des Wachstumsdranges gemacht zu sein, nicht zu dessen Prävention oder gar Umkehrung. Wem das zu radikal ist, dem antwortet Hannah mit ihrer Kritik an der „negative[n] Konnotation der Radikalität“ – die Rückkehr zu den Wurzeln ist hingegen „die Aufgabe meiner Generation.“
Dem folgt v.a. Max in seinem Beitrag, wenn er die Verbindung von Kapitalismus, Individuum und Wachstumsdrang betont: „Erstens gibt es Strukturprinzipien in dieser Gesellschaft, die derart totalitär wirken, als dass die Infragestellung dieser Prinzipien uns als Subjekte selbst hinterfragen würde. Zweitens basiert die kapitalistische Gesellschaft im Wesentlichen auf der konstruierten Zustimmung der Menschen zu diesem System.“ Das gehe so weit, dass die Debatte an sich – auch dieses Blog? – eine „Scheindebatte“ sei. Die auch von Welzer propagierte Veränderterung im System reicht nicht aus: „Das Wachstumsparadigma ist Teil der Strukturprinzipien des Kapitalismus, beides lässt sich nicht getrennt voneinander diskutieren.“ Insofern plädiert Max dafür, die Debatte nicht alarmistisch und übereilt, sondern grundsätzlicher und radikaler zu führen. Er lässt dabei jedoch offen, ob so alle relevanten Akteure mitgenommen werden können.
Weitere gute Beiträge in diesem Blog – um einige zu nennen – waren der Hinweis von Jost auf die Beschleunigungstheorie und eine neue „temporale Elite“ oder Victorias Gedanken darüber, wie der Mensch Zeit wahrnimmt und verweist auf Augustinus. Jan erinnert hingegen daran, dass die Zusammenhänge der Analyse noch nicht alle wasserfest sein müssen und warnt davor, alles in Frage zu stellen. Er argumentiert für Verbesserungen des Systems, denn Wachstum an sich ist nicht negativ. Dem gegenüber steht der von Tim vorgestellte Philosoph Wolin, der einen „umgekehrten Totalitarismus“ sieht, in dem die Menschen einem „immer mehr“ huldigen.
Aber auch auf Harald Welzer wurde sich kritisch bezogen. So sieht Gesine „auch positive Seiten“ an der Individualisierung, während Victoria die „begriffliche Unschärfe zwischen Zeitorganisation, Ökonomie und Wachstum“ kritisiert. Warum soll die Biographisierung und Zukunftsangst automatisch ein „immer mehr“ – einen Drang nach Wachstum – bedeuten? Wolf kritisiert, dass Welzer die Zeit vor dem „bürgerlich-kapitalistischen“ Zeitalter indirekt zu glorifizieren scheint und meine Kritik an Welzers Politikverständnis generell habe ich schon geäußert. Interessant war aber der Gedanke, wie „schwierig [es ist,] den Weg hin zur Postwachstumsökonomie zu beschreiben, ohne dabei in eine Ökodiktatur zu verfallen oder die vielen Zweifel an der Wachstumskritik zu widerlegen“. Die Debatte von Wachstumskritik und Demokratietheorie sollte aber noch gesondert geführt werden.
Bei den vielen guten Beiträgen könnte glatt vergessen werden, dass einige wichtige Sichtweisen nicht zur Sprache kamen. Niemand sprach sich für mehr Optimismus aus. Immerhin haben die Menschen bisher die großen Krisen gemeistert und die Lernkurven von Technik und Gesellschaft zeigen nach oben. Warum soll die Innovation nur technisch sein; können die mentalen Infrastrukturen nicht auch innovativ überwunden oder zumindest verbessert werden? Immerhin deutet Welzer dies selbst in seinem Werk an. Einzig Jan schrieb: „die Zukunft wird schön!“ und unabhängig ob es so sein wird oder nicht, sollten wir weiter miteinander diskutieren. Denn nur dann befähigen wir uns selber, Einfluß auf die Zukunft zu haben.
Die Diskussion läuft, die Steine rollen. Mittlerweile wird auf Unternehmertagungen die BIP-Fokussierung kritisiert und an den Universitäten gehört Wachstumskritik zum Kanon der Ideen. Die Menschen machen sich nach und nach selber eine Meinung und die Heinrich-Böll-Stiftung hat ihren Anteil daran, dass das „Thema 2011“ nicht so schnell wieder von der Tagesordnung verschwinden wird. Jackson, Welzer und die die vielen jungen Stimmen in diesem Blog stimmen darin überein, dass die nötige Transformation der Gesellschaft nicht einfach „immer mehr“ braucht, sondern eine Abkehr vom fossilen Wachstum.

Nicht alle zugesagten Beiträge konnten geliefert werden und es ist interessant, dass durchweg Zeitmangel (v.a. auf Grund von Aufgaben für das Studium) bzw. der Unterschied zwischen Anspruch und Kapazität genannt wurden. Nicht nur deswegen gilt der Dank den teilnehmenden Autor/innen und Kommentierenden.

Tags: , , ,

Weitere Artikel

Comments are closed.

Sorry, the comment form is closed at this time.

Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

Mitmachen? / Participate?

Du kannst bei dieser Blogdiskussion mitmachen! Kommentiere die Artikel oder reichen Deinen eigenen Artikel bei koessler@boell.de ein. / You can participate in this blog-discussion! Just comment any of the articles or send your own contribution to koessler@boell.de.

Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum