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	<title>Wie das Wachstum in unser Denken kam</title>
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	<description>Ein weiterer http://boellblog.org Blog</description>
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		<title>Ende dieses Debattenblogs. Doch ein erster Schritt ist getan.</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Sep 2011 16:38:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Debattenblog „Immer Mehr?!“ lief einen Sommer lang und versammelte junge, kritische Gedanken zu den Thesen Harald Welzers und zur wieder aufgeflammten Wachstumsdiskussion. Planmäßig werden keine neuen Beiträge erscheinen und die Kommentarfunktion wird abgeschaltet. Doch der Streit über die angesprochenen Fragen geht weiter. Er wurde durch Publikationen (z.B. von Tim Jackson, Harald Welzer), den Attac-Kongress [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/09/Lebenssti-Bild-3.jpg"><img src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/09/Lebenssti-Bild-3-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-204" /></a>Das Debattenblog „Immer Mehr?!“ lief einen Sommer lang und versammelte junge, kritische Gedanken zu den Thesen Harald Welzers und zur wieder aufgeflammten Wachstumsdiskussion. Planmäßig werden keine neuen Beiträge erscheinen und die Kommentarfunktion wird abgeschaltet. Doch der Streit über die angesprochenen Fragen geht weiter. Er wurde durch Publikationen (z.B. von <a href="http://www.boell.de/publikationen/publikationen-tim-jackson-wohlstand-ohne-wachstum-11661.html">Tim Jackson</a>, Harald Welzer), den <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/06/28/lukas-rantzau-bericht-vom-attac-kongress/">Attac-Kongress</a> und die vielen neuen Foren des Gedankenaustausches &#8211; von der <a href="http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/index.jsp">Enquêtekommission des Deutschen Bundestages</a> bis hin zu diesem kleinen Blog &#8211; beflügelt und bereichert.<br />
„Immer mehr?!“ schaffte es dabei als m.E. einzige Plattform, dezidiert junge Stimmen zum Thema Wachstum und Lebensstile zu versammeln. Es war sinnvoll, die Debatte am Beitrag Harald Welzers aufzuziehen, bietet er doch ein Verständnis für die Fragen vieler Jugendlicher: warum sind sie und die Welt um sie herum trotz besseren Wissens so sehr auf Akkumulation ausgelegt ist. <span id="more-197"></span> <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/">David Rinnert sprich in seinem Beitrag</a> das Gefühl eigener Beklommenheit an, welches uns oft überkommt: Lebe ich so, wie ich es für richtig halte? Er fragt sich, ob er nicht auch dem „Selbstausbeutungsfetisch“ einer Immer-Mehr-Generation erliegt. Anhand seines eigenen Umfeldes beschreibt er, wie sich die Menschen immer weiter „flexibilisieren und globalisieren“ und trifft dabei den Nerv der Zeit. Es geht nicht mehr nur um den bloßen Verbrauch von Ressourcen, sondern um die mentale Zügellosigkeit und die einen selber auffressenden Ansprüche. Dabei steht nichtmehr nur ein seiner Ressourcen beraubter Planet im Mittelpunkt der Argumentation, sondern die Zukunft des Subjekts. Die zunehmende Unsicherheit wie das Selbst sich in einigen Jahrzehnten darstellt übt einen enormen Druck auf das Individuum aus und lässt es weiter nach „immer mehr“ streben. David lässt bewusst offen, wie die praktische Lösung aus diesem Dilemma aussehen kann und geht durch das analysieren und hinterfragen doch schon den ersten Schritt.<br />
Den Kritischen Blick muss sich auch Hannes erhalten. <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/17/hannes-boehm-boell-wachstum/">Er beschreibt</a> wie er nach zwei Semestern VWL aufgehört hat, das Wort „Gewinnmaximierung“ zu hinterfragen. Dennoch denkt er weiterhin mit und über das von ihm ansehnlich beschriebene Korsett der heutigen Wirtschaftswissenschaften hinaus. Es bleibt zu hoffen, dass mehr Menschen in diesem vitalen Bereich den Keim der Wachstumskritik in sich tragen.<br />
Wie so viele <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/11/hannah-huedepohl-boell-wachstum/">beginnt auch Hannah ihren Text</a> mit selbstkritischen Gedanken und fügt hinzu, dass die Notwendige Einsicht in die Folgen des eigenen Dranges nach „immer mehr“ den Menschen in einer komplexen Welt immer weiter verborgen bleiben: „Den eigenen Lebensstil mit dem Leiden vieler anderer Menschen direkt in Verbindung zu bringen, ist eine Herausforderung, die Reflexion und Einsicht erfordert.“ Eine andere <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/06/14/mareike-rehl-boell-wachstu/">Herangehensweise hat Markeike</a>. Sie argumentiert weniger für das Verstehen, als fürs Träumen und den Versuch, eigene Visionen praktisch &#8211; vor dem eigenen Fenster! &#8211; umzusetzen. Dabei unterlässt sie es nicht, auf die Begrenztheit dieser Strategie zu verweisen („Um in der Öffentlichkeit als Statement wahrgenommen zu werden, müssten in der nächsten Zeit Projekte aus dem Boden wachsen, wie meine Kresse auf der Fensterbank.“) und ist damit deutlicher als Welzer. Dennoch sieht sie keine (demokratische) Alternative zu diesen vielen kleinen Schritte. Kritisch sehe ich daran den Optimismus in die derzeitigen Akteure. Zumindest die Frage, ob nicht eine überindividuelle Instanz (seien es lokale Gemeinschaften oder internationale Abkommen) einzelne Handlungen und Träume erst wirklich breit wirken lassen, sollte beantwortet werden. <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/09/13/sebastian-werner-boell-wachstum/">Sebastian sieht das wohl anders</a>. Er plädiert dafür, dass sich „Der Notwendigkeit dieser Veränderung [...] jeder selbst bewusst werden [muss].“ Denn nur so kommen wir zurück zum Leben als „Überleben und Anpassung“, wie einst. Nicht praktisch, aber mental wäre es sinnvoll, stärker zu überlegen, was wir eigentlich brauchen und wie wir uns an die Natur anpassen sollten.</p>
<p>Warum es nun so wichtig ist, dass gerade junge Menschen über die Problematik des Wachstums nachdenken, <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/06/gesine-agena-boell-wachstum/">erklärt die Sprecherin der Grünen Jugend, Gesine Agena</a>. In ihrem Ruf „Wir sind doch die Generation, von der die Grünen einst sagten, sie sich die Erde „nur geborgt“ haben“ klingt der Vorwurf mit, dass durch mangelndes Bewusstsein auch bei den Grünen, die Vorsorgepflicht vernachlässigt wird. Vorsorge heißt weg vom Wachstum, für sie. Gesine tritt mit ihrer Forderung nach einer Veränderung der kapitalistischen Logik dann auch konsequent aus der mentalen Arena in die politische. Somit stehen auch andere Mechanismen zur Verfügung, aus welchen sie bewusst provokant die Umverteilung erwähnt. Diese Art der Verknüpfung von sozialem Anspruch und ökologischer Notwendigkeit scheint aber eher für den Umgang mit den Auswüchsen des Wachstumsdranges gemacht zu sein, nicht zu dessen Prävention oder gar Umkehrung. Wem das zu radikal ist, dem antwortet Hannah mit ihrer Kritik an der „negative[n] Konnotation der Radikalität“ &#8211; die Rückkehr zu den Wurzeln ist hingegen „die Aufgabe meiner Generation.“<br />
Dem folgt v.a. <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/24/max-pichl-boell-wachstum/">Max in seinem Beitrag</a>, wenn er die Verbindung von Kapitalismus, Individuum und Wachstumsdrang betont: „Erstens gibt es Strukturprinzipien in dieser Gesellschaft, die derart totalitär wirken, als dass die Infragestellung dieser Prinzipien uns als Subjekte selbst hinterfragen würde. Zweitens basiert die kapitalistische Gesellschaft im Wesentlichen auf der konstruierten Zustimmung der Menschen zu diesem System.“ Das gehe so weit, dass die Debatte an sich &#8211; auch dieses Blog? &#8211; eine „Scheindebatte“ sei. Die auch von Welzer propagierte Veränderterung im System reicht nicht aus: „Das Wachstumsparadigma ist Teil der Strukturprinzipien des Kapitalismus, beides lässt sich nicht getrennt voneinander diskutieren.“ Insofern plädiert Max dafür, die Debatte nicht alarmistisch und übereilt, sondern grundsätzlicher und radikaler zu führen. Er lässt dabei jedoch offen, ob so alle relevanten Akteure mitgenommen werden können.<br />
Weitere gute Beiträge in diesem Blog &#8211; um einige zu nennen &#8211; waren der <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/#comment-54">Hinweis von Jost </a>auf die Beschleunigungstheorie und eine neue „temporale Elite“ oder <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/#comment-53">Victorias Gedanken</a> darüber, wie der Mensch Zeit wahrnimmt und verweist auf Augustinus. <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/#comment-63">Jan erinnert</a> hingegen daran, dass die Zusammenhänge der Analyse noch nicht alle wasserfest sein müssen und warnt davor, alles in Frage zu stellen. Er argumentiert für Verbesserungen des Systems, denn Wachstum an sich ist nicht negativ. Dem gegenüber steht der von <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/11/hannah-huedepohl-boell-wachstum/#comment-65">Tim vorgestellte</a> Philosoph Wolin, der einen „umgekehrten Totalitarismus“ sieht, in dem die Menschen einem „immer mehr“ huldigen.<br />
Aber auch auf Harald Welzer wurde sich kritisch bezogen. So <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/06/gesine-agena-boell-wachstum/">sieht Gesine</a> „auch positive Seiten“ an der Individualisierung, <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/#comment-60">während Victoria</a> die „begriffliche Unschärfe zwischen Zeitorganisation, Ökonomie und Wachstum“ kritisiert. Warum soll die Biographisierung und Zukunftsangst automatisch ein „immer mehr“ &#8211; einen Drang nach Wachstum &#8211; bedeuten? <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/09/david-rinnert-boell-wachstums/#comment-61"> Wolf kritisiert</a>, dass Welzer die Zeit vor dem „bürgerlich-kapitalistischen“ Zeitalter indirekt zu glorifizieren scheint und <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/07/27/kritik-an-welzer-ohne-politik-geht-auch-nix/">meine Kritik an Welzers Politikverständnis</a> generell habe ich schon geäußert. Interessant war aber <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/06/gesine-agena-boell-wachstum/">der Gedanke</a>, wie „schwierig [es ist,] den Weg hin zur Postwachstumsökonomie zu beschreiben, ohne dabei in eine Ökodiktatur zu verfallen oder die vielen Zweifel an der Wachstumskritik zu widerlegen“. Die Debatte von Wachstumskritik und Demokratietheorie sollte aber noch gesondert geführt werden.<br />
Bei den vielen guten Beiträgen könnte glatt vergessen werden, dass einige wichtige Sichtweisen nicht zur Sprache kamen. Niemand sprach sich für mehr Optimismus aus. Immerhin haben die Menschen bisher die großen Krisen gemeistert und die Lernkurven von Technik und Gesellschaft zeigen nach oben. Warum soll die Innovation nur technisch sein; können die mentalen Infrastrukturen nicht auch innovativ überwunden oder zumindest verbessert werden? Immerhin deutet Welzer dies selbst in seinem Werk an.  Einzig Jan schrieb: „<a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/11/hannah-huedepohl-boell-wachstum/#comment-66">die Zukunft wird schön!</a>“ und unabhängig ob es so sein wird oder nicht, sollten wir weiter miteinander diskutieren. Denn nur dann befähigen wir uns selber, Einfluß auf die Zukunft zu haben.<br />
Die Diskussion läuft, die Steine rollen. Mittlerweile wird auf Unternehmertagungen die BIP-Fokussierung kritisiert und an den Universitäten gehört Wachstumskritik zum Kanon der Ideen. Die Menschen machen sich nach und nach selber eine Meinung und die Heinrich-Böll-Stiftung hat ihren Anteil daran, dass das „Thema 2011“ nicht so schnell wieder von der Tagesordnung verschwinden wird. Jackson, Welzer und die die vielen jungen Stimmen in diesem Blog stimmen darin überein, dass die nötige Transformation der Gesellschaft nicht einfach „immer mehr“ braucht, sondern eine Abkehr vom fossilen Wachstum.</p>
<p><em>Nicht alle zugesagten Beiträge konnten geliefert werden und es ist interessant, dass durchweg Zeitmangel (v.a. auf Grund von Aufgaben für das Studium) bzw. der Unterschied zwischen Anspruch und Kapazität genannt wurden. Nicht nur deswegen gilt der Dank den teilnehmenden Autor/innen und Kommentierenden.<br />
</em></p>
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		<title>Sebastian Werner: Anpassung und Überleben</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 11:12:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Betrachtet man die Natur, so stellt man relativ schnell fest, dass alle Lebensformen in Einklang mit ihrer Umgebung leben. Der Mensch tut dies nicht. Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen an die sie umgebenden Bedingungen angepasst, um überleben zu können bzw. „gut“ überleben zu können. Der Nebeneffekt dieser Anpassung ist, dass sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/09/sebastian_werner.jpg"><img src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/09/sebastian_werner-214x300.jpg" alt="" width="144" height="200" class="alignleft size-medium wp-image-189" /></a>Betrachtet man die Natur, so stellt man relativ schnell fest, dass alle Lebensformen in Einklang mit ihrer Umgebung leben. Der Mensch tut dies nicht.<br />
Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen an die sie umgebenden Bedingungen angepasst, um überleben zu können bzw. „gut“ überleben zu können. Der Nebeneffekt dieser Anpassung ist, dass sich alles im Gleichgewicht befindet und jedes Tier und jede Pflanze eine „Funktion“ erfüllt und für das „Überleben“ des „Organismus Natur“ sorgt. Zentrale Punkte in der Natur sind somit Anpassung und Überleben.<br />
Betrachtet man uns Menschen (in dem begrenztem Maße, wie das bei einer retrospektiven Betrachtung möglich ist), so fallen wir aus dem Rahmen. Ob wir nun angepasst an unsere Umwelt leben, darüber ließe sich wohl eine lange Debatte führen. Ich denke, wir tun es nicht.  <span id="more-188"></span>Zwar ist es uns gelungen aufgrund unseres „natürlichen“ Verstandes Technologien zu entwickeln, die es uns im Laufe der Jahrhunderten ermöglichten, jeglichen Flecken Erde auf diesem Planeten bewohnbar zu machen und unsere persönlichen Lebensbedingungen erheblich zu erleichtern. Dabei bedienten und bedienen wir uns allerdings oft auf zerstörerische und unnatürliche Art und Weise der Schätze unserer Natur. Anstatt angepasst, leben wir auf Kosten unserer Natur.</p>
<p>Der Punkt „Überleben“ spielt in unserer heutigen Gesellschaft nur noch eine untergeordnete Rolle. Natürlich besitzen wir alle einen Überlebensinstinkt, der wohl stärker als alle anderen Instinkte ist. Aber dieser schaltet sich nur in Notsituationen ein und diese gibt es gerade in unserer heutigen modernen Gesellschaft nicht. Es gibt – zumindest in den reichen Industrieländern- kein Hungerproblem und keine wilden Tiere, vor denen wir uns schützen müssten. Viele Krankheiten können wir heilen oder insofern in den Griff bekommen, dass ein erträgliches Leben bis ins hohe Alter möglich ist. Dies ist eine außerordentlich hohe Errungenschaft, derer wir uns aber meistens gar nicht bewusst sind. Alle anderen Lebewesen kämpfen täglich um ihr Überleben, während wir in unserem Alltag nach Erfolg, Karriere, Geld und Selbstverwirklichung streben. Wir nennen das Ganze dann Wohlstand oder Glück und rennen ihm unser ganzes Leben lang hinterher. Auf unserer gedankenlosen Jagd nach abstrakten Begriffen und etwas Papier fügen wir fast immer uns selbst und den Menschen, die uns umgeben, Schaden zu. Wir betrachten uns als losgelöst von der Natur, sind es jedoch nicht.<br />
Dies einen natürlichen Vorgang zu nennen, halte ich für falsch. Es ist nicht natürlich, nach sozialer Anerkennung oder Selbstverwirklichung zu streben, wenn Grundbedürfnisse befriedigt sind. Es ist nicht natürlich, sich selbst äußeren Zwängen (auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann) zu unterwerfen, um in einer Gesellschaft seinen Platz zu finden.<br />
Es ist vielleicht menschlich, aber nicht natürlich. Und dessen sollten wir uns bewusst werden! Unser großer Vorteil ist, dass wir zwar der größte Feind unserer eigenen Natur sind, aber auch ihr einziges Gewissen. Anders ausgedrückt: Wir handeln zwar gedankenlos, können uns aber dieses gedankenlosen Handeln bewusst werden und lernen anders zu handeln.</p>
<p>Wenn wir wieder im Einklang mit unserer Natur leben möchten, dann müssen wir weg von abstrakten Begriffen wie Wohlstand, Wachstum und Glück. Anpassung und Überleben gehören in den Vordergrund. Und da beginnt das Problem. Wir sind keine Jäger und Sammler mehr, die morgens ausziehen, damit sie abends nicht mehr hungrig sind. Die in Gruppen leben, damit sie sich besser gegen wilde Tiere verteidigen können. In seinem neuen Buch „Das kalte Herz“ schreibt Werner Schmidbauer, dass der Homo sapiens seit seiner Entstehung schätzungsweise 95 % seiner Zeit als Jäger und Sammler gelebt hat. Weiterhin schreibt er: „die Periode seit der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht, seit dem Beginn der Geschichtsschreibung hat den biologisch-genetischen Typus des Menschen nicht mehr verändert.“ (Schmidbauer, 2011). Unsere Natur sieht also eigentlich vor, dass wir wie Jäger und Sammler leben. Dies jedoch zu fordern, wäre reine Utopie. Mehr als 10.000 Jahre uns bekannte Kulturgeschichte haben uns vielleicht biologisch nicht verändert, aber geistig unwiderstößlich geprägt und die von Harald Welzer beschriebenen mentalen Infrastrukturen geschaffen. Diese niederzureißen und sich in die Natur zurück zu ziehen, ist einen in der modernen Zivilisation geborenen Menschen eigentlich nicht möglich. Zu stark sind die Fundamente dieser Strukturen, als dass sie sich einreißen ließen.</p>
<p>Wenn wir also weg von abstrakten Begriffen wie Wohlstand, Wachstum und Glück wollen, so können wir nicht den Weg zurück zu einem Jäger-und-Sammler-Dasein einschlagen. Doch wir können uns bewusst machen, wie wir eigentlich einmal gelebt haben und uns wieder mehr in diese Richtung bewegen. Wir können uns bewusst machen, was jahrtausendelang zentrale Elemente unseres Daseins waren – z.B. (gut zu) Überleben und Anpassung – und uns wieder mehr nach ihnen richten. Wir würden feststellen, dass viele materielle Werte in unserem Leben unnötig sind und von unserem selbst zentrierten Verhalten abrücken.<br />
Was hindert uns daran? Nichts, doch den Weg des Bewusstwerdens muss jeder für sich selbst einschlagen. Und an diesem Punkt kommen wir in der Wachstumsdebatte nicht weiter. Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem, was wir in letzter Instanz nur durch eine Veränderung jedes einzelnen lösen können. Der Notwendigkeit dieser Veränderung muss sich jeder selbst bewusst werden.<br />
Kann man dieses Problem überhaupt lösen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich bei mir selbst  anfangen kann. Von der Politik und der Gesellschaft erwarte ich, dass sie Anstöße gibt bzw. Menschen dazu ermuntert, den Weg des Bewusstwerdens einzuschlagen. Anstatt reiner Wissensvermittlung würde ich mir zum Beispiel wünschen, dass man in unseren Bildungsstätten junge Menschen dabei helfen würde, sich selbst „zu finden“. Ein sogenanntes „Sinnfach“ wäre von Nöten. Diese Aufgabe religiösen Institutionen zukommen zu lassen halte ich für fatal, versuchen diese doch immer, den Menschen in gewisser Weise zu formen und ihm neue Zwänge aufzubürden.</p>
<p>Wenn wir es schaffen würden, dass mehr Menschen im Einklang mit sich selbst und der Natur ihren richtigen Platz auf dieser Erde finden würden, wäre viel getan. Eine gigantische Aufgabe.</p>
<p><strong>Sebastian Werner </strong>studiert Maschinenbau an der TU Darmstadt. In seinem Masterstudium spezialisiert er sich auf erneuerbare Energien und Abfallentsorgung. Mit Wachstumskritik beschäftigt er sich seit seiner Teilnahme am ATTAC-Kongress &#8220;Jenseits des Wachstums&#8221;. Zurzeit befindet sich Sebastian Werner zwecks eines Auslandsstudiums in Rio de Janeiro / Brasilien.</p>
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		<title>Kritik an Welzer: Ohne Politik geht auch nix!</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jul 2011 10:38:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Jackson]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Essay von Harald Welzer erntete beim Attac-Kongress viel Applaus, auch dafür, dass es „die Politik“ als unzureichend und fehlgeleitet in eine Ecke abschob und mit dem Aufruf zu „jetzt mal Kultur!“ bei vielen linken Seelen die Hoffnung auf eine neue umfassende Strategie zu erwecken schien. So richtig der Ansatz von Welzer ist, die kulturelle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_151" class="wp-caption alignleft" style="width: 220px"><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/07/P3266011.jpg"><img class="size-medium wp-image-151 " src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/07/P3266011-300x225.jpg" alt="Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)" width="210" height="158" /></a><p class="wp-caption-text">Auch wichtig: Bewegung in der Politik. (Bild vom Autor)</p></div>
<p>Das Essay von Harald Welzer erntete beim Attac-Kongress viel Applaus, auch dafür, dass es „die Politik“ als unzureichend und fehlgeleitet in eine Ecke abschob und mit dem Aufruf zu „jetzt mal Kultur!“ bei vielen linken Seelen die Hoffnung auf eine neue umfassende Strategie zu erwecken schien. So richtig der Ansatz von Welzer ist, die kulturelle Komponente des Wachstumsdilemmas anzugehen, so kritisch finde ich sein dahinter liegendes Politikverständnis. Gerade in einer Demokratie ist Politik immer etwas, das von allen gestaltet wird und nicht eine Sphäre irgendwo da draußen ist.</p>
<p>Das Missverständnis wird gleich zu Beginn des Textes festgeschrieben. <span id="more-139"></span>Der Wachstumsbegriff habe eine „nachgerade magische Bedeutung, die ihm die Politik als Allheilmittel […] zuschreibt“ (S. 11). Wer soll hier bitte „die Politik“ sein? Dass wirtschaftliche Akteur/-innen im Wachstum – auf Grund von eigener Empirie und Profitstreben – das Allheilmittel sehen, ist verständlich, ja sogar rational. Die Politik hingegen ist in einem magischen Bann, wie es scheint. Auch Magie wirkt aber auf der Ebene des Individuums und – siehe da – auch Politiker/innen sind Menschen! Die von Welzer gemeinte Bedeutungszuweisung beruht also ebenfalls auf den kollektiven und individuellen mentalen Infrastrukturen im Politikbetrieb. Auch hier gibt es jedoch wachstumskritische Stimmen, selbst wenn Welzer diese ignoriert (s. ibid). Einige Abgeordnete sind durchaus bereit, über Schrumpfung oder zumindest steady-state zu sprechen oder dies sogar zu fordern. Sie werden jedoch zu oft zurück gepfiffen und benötigen den bestärkenden Zuspruch der wachstumskritischen Bewegung anstatt sie in einen Topf mit Neoliberalen oder Altkeynesianer/innen zu werfen. Der Anspruch, alleine gegen ein monolithisches System von ewig-wachsenden Windmühlen zu kämpfen, dreht das Verhältnis Mensch-Politik auf den Kopf. Auch sind es nicht die Politiker/innen, welche  „unwidersprochen behaupten, diese oder jene Entscheidung sei «alternativlos»“ (S. 41), sondern die ihnen ins Ohr flüsternden Expert/innen. Diese – und zu ihnen gehört ja auch Professor Welzer – sind aber in einer Welt der überkomplexen Lebensverhältnisse nötig. Das Problem sind die mentalen Sackgassen in deren Köpfen (siehe dazu den <a href="http://wachstum.boellblog.org/2011/05/17/hannes-boehm-boell-wachstum/">Beitrag von Hannes Böhm</a>).</p>
<p><strong>Halten wir fest: „Die Politik“ sind Menschen und als solche genauso Adressat/innen von Welzers Appell, nicht Gegner/innen.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ich wäre auch vorsichtiger als Welzer mit der Kritik der „unseligen Koalitionen“ (S. 42) zwischen Politik und Expertokratie. Gerade die Sicht des Weltklimarates (IPCC) hat zu mehr Klimaschutz (in den Köpfen) beigetragen, mehr als die Klimabewegung mit Aktionen je hätte schaffen können. Es macht wenig Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Welzer hat zwar Recht, wenn er kritisiert: „<em>Lebenswelt und Mentalitäten tauchen als Variablen in den technoiden Szenarien der «Dritten Industriellen Revolution» nicht auf</em>“ (S. 12). Aber warum denn bitte nicht? Doch nicht, weil „die Politik“ oder „die da oben“ das nicht sehen (Ausnahmen bestätigen die Regel) oder weil „die Expert/innen“ dort eine Denklücke haben. Die Mentalitätsperspektive wird nicht ausreichend aufgegriffen, weil Politiker/innen aller Parteien einfach Angst vor Stimmverlusten haben. Wir leben in einer Demokratie – so geschunden sie auch sein mag – und in dieser müssen die Menschen überzeugt werden. Von der Politik eine Zugpferdwirkung zu erwarten ist mit der Kritik am Obrigkeitsstaat schlecht vereinbar. Politische Maßnahmen dürfen nicht zu viel Zwang entwickeln, wenn sie erfolgreich sein wollen. Genauso wenig dürfen sie aber nur in Appellen enden &#8211; wie etwa: „Sei hip, sei cool, entschleunige Dich!“. Sie müssen mit Argumenten überzeugen, Rückhalt in der Bevölkerung haben und gleichzeitig ordnungspolitische Anreize setzen.</p>
<p><strong>Halten wir fest: Politik und Bürger/innen stehen in einem Wechselspiel, deren Grundlage die mentalen Infrastrukturen aller beteiligter Akteur/innen sind.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Hauptplädoyer des Essays liegt darin, in konkreter aber kleinteiliger Praxis Alternativen zu entwerfen und zu leben. Welzer setzt sich damit zu Nico Paech in den Schrebergarten des Postwachstums, oder? Nicht ganz, denn er hat das Problem erkannt. Obwohl der/die Leser/in zum Schluss v.a. die Aufforderung zur Kleinteiligkeit im Hirn haften bleibt, verweist Welzer darauf, dass es etwas Umfassenderes geben muss. Doch wo der normale Mensch nun den Gesetzgeber, die Politik oder irgendetwas in der Art vermutet hat, strebt Welzer nach einer offenbar einheitsstiftenden Zivilreligion o.ä., welche den „Gegenentwurf zum Dystopia der Wachstumsgesellschaften“ mit sich bringt und zugleich eine „umschließende politische Programmatik“ besitzt (S. 41). Warum will sich Welzer, statt rationale Politik und konkrete (politischen) Forderungen zu erheben, auf diesen Holzweg begeben?</p>
<blockquote><p>„Woran es fehlt, ist eine Vision, die emotional und identitätsträchtig ist, eine Formulierung der Frage, wie man im Jahr 2025 eigentlich leben möchte. Wohlgemerkt, schon allein das Stellen dieser Frage würde den Horizont gegenüber der politischen Kultur der vorgeblichen «Alternativlosigkeit» und der Wachstumsreligion erheblich weiten – denn schnell würde ja klar werden, dass Wachstum nicht die Antwort auf diese Frage sein kann.“ (S. 40)</p></blockquote>
<p>Welzer hat Recht, wenn er bemängelt, dass die politische Kultur nicht ausreichend auf die Zukunft ausgerichtet ist. Es werden immer sofort Resultate verlangt: Eine gute Schlagzeile heute ist mehr wert als eine nachhaltige Produktionsweise in 20 Jahren. So oder so ähnlich erscheint mir der politische Zirkus. Doch gleichzeitig geben Politiker/innen in ihren Versprechungen immer wieder Referenz auf die Zukunft, nämlich wenn sie von dem sprechen, was im Falle eines Wahlsieges alles besser werden wird. Es ist also zu kurz gedacht von Welzer, einfach „die Zukunft wieder [zu] eine[r] Kategorie des Politischen [zu machen]“ und damit eine „neue Leitvorstellung“ (S. 42) zu formieren. Ideologien á la „morgen wird alles besser“ gibt und gab es genug. Hier sollte Welzer die Kleinteiligkeit statt einer Verschlagwortung anwenden, welche ich ihm oben gerne vorhalte.</p>
<p>Ich stimme mit ihm überein, wenn er alleine das Stellen der richtigen Frage als Erweiterung des Horizontes erkennt. Das sagt ja auch die Einleitung zu diesem Blog und deshalb gab es den attac-Kongress im Mai: der Beginn dieser Debatte an sich hat einen Wert und kann den Stein ins Rollen bringen. Wie weit er dann rollt ist aber auch davon abhängig, wie politisch die Debatte dann wird und ob sie die Diskurshoheit gewinnen kann.</p>
<p>An einer anderen Stelle gibt Welzer wiederum zu, dass nur Reden bzw.  ein kultureller Ansatz vielleicht doch nicht ausreicht. Die politische, ökonomische und industrielle Praxis muss sich verändern, denn sie hat die mentalen Infrastrukturen geformt.</p>
<blockquote><p>„Der Habitus, die Gefühle und die Denkformen des ökonomischen Menschen haben sich nicht durch kognitive Operationen verändert, die Aufklärer entworfen und gefordert haben, sondern durch die ökonomische, industrielle und politische Praxis der sich entwickelnden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Wollte man also etwas an den mentalen Infrastrukturen verändern, müsste man die Praxis selbst verändern, die eben das Bewusstsein so nachhaltig und tief prägt, dass man sogar, wie Autoliebhaber stolz sagen, «Benzin im Blut» haben kann.“ (S. 39)</p></blockquote>
<p>Später ordnet er das auch der politischen Sphäre unter, wenn geschrieben steht, dass „Ökonomie und Technologie […] nur so klug oder so dumm [sind] wie die politische Figuration, in der sie wirksam werden“ (S. 42).</p>
<p><strong>Halten wir fest: Die Politik muss verändert werden, da sie elementar für den kulturellen Wandel und damit für die nötige Transformation der Gesellschaft ist.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber widerspricht Welzer dem wirklich oder hat er nur ein anderes theoretisches Modell? Warum kämpft er „die Politik“ so nieder, wenn er doch im Inneren zu wissen scheint, dass ohne sie kein Fortschritt (auch nicht in seinem Sinne!) zu haben ist? Warum ignoriert er die bestehenden Post-Wachstums-Ansätze von Denkern wie Tim Jackson, der mit Ideen wie u.a. Abwendung vom BIP, ökologischer Finanzreform oder Einschränkung der Werbung konkrete politische Ideen zur Änderung unserer gesellschaftlichen Logik hat? Warum verweist so vieles in Welzers Essay auf die unsterbliche Verbindung von Habitus und Habitat, wie sie der große Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben hat, ohne auf diese Interdependenz – auf diesen teuflischen Kreislauf – zu verweisen? Genau wie ein Sinneswandel, so kann auch fortschrittliche Politik (z.B. durch eine die Menschen mitnehmende ökologische Transformation) eine Chance zum Ausbrechen sein. Wer  skeptisch auf die Unfähigkeit der Politik blickt, sollte diese – demokratisch – verändern und sich nicht um sie herum winden.</p>
<p><strong>Georg P. Kössler</strong>: ist Referent für Internationale Klima- und Energiepolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung und betreut auch diesen Blog. Privat engagiert er sich politisch wie auch gesellschaftlich.</p>
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		<title>Lukas Rantzau: Bericht vom Attac Kongress</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Jun 2011 14:43:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Attac]]></category>
		<category><![CDATA[Bericht]]></category>
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		<description><![CDATA[Vom 20.-22. Mai 2010 fand in Berlin ein großer Kongress zur Wachstumsfrage statt. Diesen hat Attac in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und weiteren politischen Stiftungen (RLS, FES, OBS) organisiert. Wir schickten einige unserer Stipendiat_innen dahin. Hier ein Bericht: Der von Attac organisierte Kongress unter dem Titel &#8220;Jenseits des Wachstums?!&#8221; zog am vergangenen Wochenende vom 20. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_185" class="wp-caption alignleft" style="width: 200px"><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/06/IMG_65152.jpg"><img class="size-full wp-image-185 " title="IMG_6515" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/06/IMG_65152.jpg" alt="Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)" width="190" height="127" /></a><p class="wp-caption-text">Harald Welzer auf dem Attac-Kongress (Foto: Fiona Krakenbuerger)</p></div>
<p>Vom 20.-22. Mai 2010 fand in Berlin ein großer Kongress zur Wachstumsfrage statt. Diesen hat Attac in Kooperation mit der <a href="http://www.boell.de">Heinrich-Böll-Stiftung </a>und weiteren politischen Stiftungen (<a href="www.rosalux.de">RLS</a>, <a href="www.fes.de/">FES</a>, <a href="www.otto-brenner-stiftung.de">OBS</a>) organisiert. Wir schickten einige unserer Stipendiat_innen dahin. Hier ein Bericht:</p>
<p>Der von Attac organisierte Kongress unter dem Titel &#8220;Jenseits des Wachstums?!&#8221; zog am vergangenen Wochenende vom 20. bis zum 22. Mai zahlreiche Interessierte an die TU Berlin. Die Organisatoren hatten mit etwa 1500 Teilnehmern gerechnet. Am Ende kamen Schätzungen zu Folge 2500 Menschen &#8211; obwohl zeitgleich an der Humboldt Universität ein Marx-Kongress stattfand. So war wohl nur das Programmheft noch voller, als die Hörsäle der Universität an der Straße des 17. Juni. <span id="more-118"></span></p>
<p>Die Veranstalter luden zu unzähligen Panel-Diskussionen und Workshops, mit denen sich auch eine ganze Woche Kongressprogramm problemlos hätte füllen lassen. Die Besucher waren vor die schwierige Entscheidung gestellt, welcher der parallel laufenden Veranstaltungen sie nun beiwohnen würden. An Dozenten mit anerkannter Reputation und Diskussionsrunden mit vielversprechenden Titeln mangelte es dabei gewiss nicht. Auf eine Weise veranschaulichte der Kongress so die Grenzen seines eigenen Wachstums: Mancher Besucher warf offen die Frage auf, ob man sich nicht vielleicht etwas zu viel vorgenommen habe, an diesem sonnigen Wochenende im Mai. Der Einzelne hat nur einen kleinen Ausschnitt der Veranstaltung wahrnehmen können.</p>
<p>Aus dieser persönlichen Perspektive ist so auch dieser Bericht verfasst. Der Kongress war bereits auf dem Konsens aufgebaut, die Wachstumsideologie gehöre ideengeschichtlich in die Vergangenheit. Das Ausrufezeichen im Titel war in der Programmgestaltung von mehr Gewicht als das Fragezeichen. Grundsätzlich wird die Wachstumsdebatte schon geführt seit der Club of Rome 1972 seinen &#8220;The Limits of Growth&#8221; Bericht veröffentlichte. Was ist nun also neu? Rhetorisch stark gelang es vielen Dozenten die zahlreichen Probleme der Wachstumsgesellschaft auf den Punkt zu bringen und anschaulich darzustellen (z.B. Alberto Acosta und Vandana Shiva). Aus unterschiedlichen Perspektiven wurden zahlreiche soziale und ökologische Unzulänglichkeiten der Welt- und Werteordnung des 21. Jahrhunderts dargestellt. Soziologen, Psychologen, Ökonomen, Politikwissenschaftler und Praktiker mit vielfältigen fachlichen Hintergründen trugen interessante Ideen und Forschungsansätze vor. Dabei wurden interessante Antworten auf die Fragen der Wachstumszwänge im gegenwärtigen Wirtschaftssystem (hierzu besonders: Nico Paech) und der soziopsychologischen Verfasstheit (hierzu: Harald Welzer) unserer Zeit dargestellt.</p>
<p>Dass die Tage des Wachstumsparadigmas schon aufgrund der äußeren, ökologischen Umstände gezählt sind, daran zweifeln wohl nur noch wenige. Doch überzeugende Erklärungen, warum ein grundsätzliches Umdenken schon seit Jahrzehnten auf sich warten lässt, sind nach wie vor Mangelware. Vertreter des Green New Deal, die ihren Überlegungen die Frage der Machbarkeit zu Grunde legen, zählten auf dem Kongress schon ins konservative Lager. Eine wirklich produktive Debatte blieb so leider oft aus und in manchen Diskussionen probten sich die Referenten darin, sich an Radikalität gegenseitig zu übertrumpfen. Dennoch gingen am Ende wohl alle zufrieden nach Hause. Der Kongress ist Teil einer wichtigen und drängenden Debatte, welche in weiten Teilen der Gesellschaft geführt werden muss. Insofern kommt der Veranstaltung mit Sicherheit eine Multiplikator Funktion zu, da er viele Köpfe um die eine oder andere Idee bereichert hat. Schnelle und einfache Antworten sind im Angesicht der umfassenden und grundsätzlichen Transformationen, welche die Umstände immer dringender fordern, nicht zu erwarten. Der befruchtete Diskurs wird aber mit neuen und spannenden Ideen wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.</p>
<p><strong>Lukas Rantzau </strong>ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und studiert in Dresden Internationale Beziehungen. Er denkt bei allen Personen- und Berufsbezeichnungen stets die weibliche Form mit.</p>
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		<title>Mareike R.: Die Transformation vor meinem Fenster</title>
		<link>http://wachstum.boellblog.org/2011/06/14/mareike-rehl-boell-wachstu/</link>
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		<pubDate>Tue, 14 Jun 2011 17:54:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gedankenexperimente]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[LOHAS]]></category>
		<category><![CDATA[Transformation]]></category>
		<category><![CDATA[träumen]]></category>

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		<description><![CDATA[Nun, ich schau die ganze Welt mit meinen eigenen Augen an! Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Stadt …. „Nein!“ schreit das Mädchen mit dem knall blau-gepunkteten Shirt, „Ich bin jetzt dran“. Direkt vor meinen Füßen spielen Kinder Hüpfekästchen, alte Frauen schauen ihnen zu und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Blick schweift [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { size: landscape; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p><!-- 		@page { size: landscape; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-112" style="margin-left: 5px;margin-right: 5px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/06/Bild-3-300x175.png" alt="" width="240" height="140" /></p>
<p style="text-align: right"><span style="font-family: Arial, sans-serif;font-size: small">Nun, ich schau die ganze Welt mit meinen eigenen Augen an!</span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif;font-size: small"><em>Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Stadt …. „Nein!“ schreit das Mädchen mit dem knall blau-gepunkteten Shirt, „Ich bin jetzt dran“. Direkt vor meinen Füßen spielen Kinder Hüpfekästchen, alte Frauen schauen ihnen zu und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Blick schweift nach links, ein junger Mann gräbt mit einer Schaufel seinen Garten um, er pfeift: „Ich war noch niemals in New York, Ich war noch niemals auf Hawaii&#8230;“. Seit kurzem verkauft er sein selbst-angebautes Gemüse. Von links dringt Saxophonmusik an meine Ohren, dass vor ein paar Jahren stillgelegte Schwimmbad füllt sich mit neuem Leben, der junge Musiker aus Amsterdam probt für seinen Auftritt.  Paula eine junge Ingenieurin werkelt an ihren energieeffizienten Dämmstoffen.</em></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><em>Doch was ist dass?<span id="more-106"></span> „Wrumm, Wrumm, Huuuupp“ Lärm stört meine selige Ruhe. Ich öffne die Augen und kann es nicht fassen ein großes Stahlgefährt rast an meinem Fenster vorbei, der Traum ist geplatzt, keine Kinder auf der Straße, kein Grün, keine jungen Menschen.</em></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><em>Und doch, ich lehne mich in meinem Schaukelstuhl zurück, schließe wieder die Augen, stecke Ohropax in die Ohren und denke nach, war alles nur ein Traum oder gibt es sie doch diese Utopie von der ruhigen, langsamen, nachhaltigen Welt oder ist es vielleicht schon längst zu spät?</em></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><em>Ich denke an den den slow food Laden am Ende der Straße, das Kiezgeld in meiner Tasche, junge Studenten düsen auf Elektrofahrrädern vorbei? Und dann denke ich an Eline die sich in Lyon für einen ökologischen Gemeinschaftsgarten einsetzt. Piotr der mit allen Mitteln in Polen für Fahrradwege kämpft. Paul der sich in Afrika für den Erhalt der Natur einsetzt und gegen die Regierung auf die Straße geht.</em></span></span></p>
<p><strong><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small">Bedienungsanleitung für eine Transformation</span></span></strong></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small">Welzer beschäftigt sich in seinem Essay mit der Frage wie kann das Denken von der starken Wachstumsperspektive abgewendet werden? Seiner Meinung nach kann dies nur durch eine Transformation des Denkens im Kleinen erreicht werden. Was bedeutet eine solche Transformation im Kleinen? Eine Transformation bedeutet meiner Meinung nach eine Veränderung, hin zu einer abschließenden Installation neuer kultureller Gedankenmuster die einher gehen mit einem veränderten Lebensstil und einem nachhaltigen Konsumverhalten, welches bei uns selbst beginnt.</span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small">Die durch  Welzer dargestellte Transformation stellt die Grundvoraussetzung für das Gedankenexperiment zur post-carbon Gesellschaft dar &#8211; ohne diese Veränderung im Denken der Menschen gibt es keine nachhaltige Veränderung. Erst die Transformation im Denken kann eine Veränderung im Verhalten bewirken. So können technische Innovationen auch nur dann effizient bedient werden, wenn Menschen deren Bedienung verstehen. Ein Plusenergiehaus kann nur dann Strom produzieren, wenn die Benutzer auch wissen wie man es bedienen muss.</span></span></p>
<p>„<span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small">Wir müssen uns selbst zum/r BürgerIn machen“ und an diesem Prozess teilhaben &#8211; ohne uns geht es nicht. Das bedeutet grundsätzlich so zu handeln wie es Eline, Piotr und die anderen vormachen, aktiv an der Zivilgesellschaft teilnehmen, kritisches Infrage-stellen, reflektieren, Innovationen fördern und entwickeln. Wir BürgerInnen müssen aus der passiven Rolle – „der Staat wird es schon richten“ – herauskommen. <em>Es ist die Stunde der BürgerInnen</em>. Wichtig dabei ist, das die Vernetzung unterschiedlicher AkteurInnen Räume schaffen um technische und soziale Experimente zu wagen. Zugpferde dieses Prozesses sind BürgerInnen, die ein neues Konsumverhalten und neue Lebenskonzepte vorleben: LOHAS, KünstlerInnen spielen hier eine wichtige Rolle.</span></span></p>
<div id="attachment_109" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-109" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/06/P1010637-300x225.jpg" alt="Mareike: Die Transformation vor meinem Fenster" width="300" height="225" /><p class="wp-caption-text">Mareike: Die Transformation vor meinem Fenster</p></div>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><strong>Die Frage nach der Effektivität</strong></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif;font-size: small">Ja, bis jetzt hört sich das ja alles nachvollziehbar an. Die Frage ist jedoch wie effektiv ist eine solche Transformation im Kleinen? Um in der Öffentlichkeit als Statement wahrgenommen zu werden, müssten in der nächsten Zeit Projekte aus dem Boden wachsen, wie meine Kresse auf der Fensterbank. Zweifelnde Fragen kommen auf …. Diese sollen jedoch zunächst auf die Seite geschoben werden, denn eine Frage drängt sich viel eher auf: Welche Alternativen gibt es zu Welzer´s Vorschlag und gibt es überhaupt eine realistische? Nein, gibt es nicht. Autoritäre Regime können eine nachhaltige kulturelle Revolution, die uns zu einer low-carbon Gesellschaft führt, nicht bewirken. Vielmehr ist ein breites demokratisches Fundament ausschlaggebend und nachhaltig.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><strong>In meinem Traum</strong></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial, sans-serif"><span style="font-size: small"><em>Das Mädchen mit dem blau-gepunkteten Shirt ruft zu mir hoch, ich solle herunter kommen und mitspielen, „Nun bist Du dran!“ ruft sie!</em></span></span></p>
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		<title>Max Pichl: Die Revolutionierung des Subjekts</title>
		<link>http://wachstum.boellblog.org/2011/05/24/max-pichl-boell-wachstum/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 May 2011 15:47:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lebenslauf]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Subjekt]]></category>
		<category><![CDATA[Wachstum]]></category>
		<category><![CDATA[Welzer]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Beitrag „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer liefert eine ungewöhnlich innovative Perspektive auf die laufende Wachstumsdebatte. Der politische und mediale Mainstream diskutiert die Frage des Wachstums praktisch ausschließlich auf einer technischen Ebene, sprich: welche Technologien müssen eingesetzt werden, um die Energieerzeugung nachhaltiger zu gestalten; wie muss die Politik sich verändern, um das Ziel einer postcarbonen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/pichl_full.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-83" style="margin-right: 8px;margin-bottom: 2px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/pichl_full-199x300.jpg" alt="Maximilian Pichl" width="131" height="198" /></a>Der Beitrag „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer liefert eine ungewöhnlich innovative Perspektive auf die laufende Wachstumsdebatte. Der politische und mediale Mainstream diskutiert die Frage des Wachstums praktisch ausschließlich auf einer technischen Ebene, sprich: welche Technologien müssen eingesetzt werden, um die Energieerzeugung nachhaltiger zu gestalten; wie muss die Politik sich verändern, um das Ziel einer postcarbonen Gesellschaft zu erreichen usw. Welzer wendet sich direkt den Subjekten zu. <em>„Nichts ist niemals fertig, die Arbeit hört niemals auf“ </em>- dieser Satz aus Welzers Essay scheint paradigmatisch für<em> </em>die kapitalistische Gesellschaft zu sein. Kein Wunder, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in der Vergangenheit immer wieder im Zuge von Streiks die Stechuhren zerstörten, sozusagen das Symbol der Kontrolle in der kapitalistischen Produktionsweise. Welzers Essay scheint eine übergeordnete Fragestellung zu beschäftigen: warum vollziehen sich politische Veränderungen in der aktuellen Gesellschaftsformation so schleppend langsam oder kommen erst gar nicht zur Entfaltung? Warum halten die Menschen scheinbar freiwillig an einem offensichtlich gescheiterten Wachstumsparadigma fest? <span id="more-81"></span><br />
Auf diese Frage ließen sich zwei Antworten formulieren: Erstens gibt es Strukturprinzipien in dieser Gesellschaft, die derart totalitär wirken, als dass die Hinterfragestellung dieser Prinzipien uns als Subjekte selbst hinterfragen würde. Zweitens basiert die kapitalistische Gesellschaft im Wesentlichen auf der konstruierten Zustimmung der Menschen zu diesem System. Was heißt das nun?</p>
<p>Unter Strukturprinzipien verstehe ich historisch gewachsene Bedingungen, die alle Bereiche der Gesellschaft und des Politischen bestimmen. Zu diesen Strukturprinzipien könnte man u.a. die Wertform, die Profitorientierung oder das Geschlechterverhältnis fassen. Die Strukturprinzipien sind so fest eingelassen in die Gesellschaft, dass jedwede grundsätzliche Kritik an ihnen sofort auf erboste Widerworte stößt. Fordern Menschen z.B. die Überwindung der Profitorientierung in der Wirtschaft und statt dessen eine Bedürfnisorientierung an Mensch und Umwelt, dann kann man schon die Rufe hören: das sei revolutionärer Quatsch, Utopismus! Vergessen wird dabei: diese Strukturprinzipien sind weder gottgegeben, noch in irgendeiner Art Teil der menschlichen Natur. Sie sind historisch gewachsen, wurden von Menschen geformt und könnten daher auch von Menschen weiterentwickelt werden. Das vergessen die Menschen nur allzu leicht. Einen Vorwurf kann man ihnen dabei nicht machen. Michel Foucault hat davon gesprochen, dass der Mensch bzw. das Subjekt von Beginn seiner Geburt komplett konstruiert wird. Dies entscheidet sich schon kurz nach der Geburt. Wenn im Krankenhaus entschieden wird, dass das Kind nun ein Junge oder ein Mädchen sei, dann schreibt sich das Geschlechterverhältnis automatisch in den Menschen ein. Für den Menschen ist es vollkommen selbstverständlich, dass es verschiedene Geschlechter gibt – etwas anderes hat er oder sie ja auch nicht gelernt. Und ohne dass dies bewusst geschehen würde, übernimmt der Mensch auch die anderen Strukturprinzipien in sich auf: es wird für ihn/sie selbstverständlich Waren zu tauschen bzw. zu kaufen, einen Job anzunehmen um Geld zu verdienen und die bürgerliche Gesellschaft für die beste aller denkbaren zu halten. Jedes Individuum muss sich in der Gesellschaft als Unternehmer seiner selbst begreifen, in sich investieren, sich selbst produzieren, sprich: seine eigene <strong><em>Biographie und eigenen Lebenslauf </em></strong>herstellen. Geboren ist der unternehmerische Mensch. Dies heißt, die kapitalistische Gesellschaft sorgt dafür, dass die Individuen nur diese eine Gesellschaft als die vernünftige Gesellschaft anerkennen und sich gar keine andere Welt mehr vorstellen können. Nach Antonio Gramsci nennt sich diese Form der Zustimmung Hegemonie, d.h. eine gesellschaftliche Gruppe (hier und heute die kapitalistische Klasse) hat ihre Interessen verallgemeinert und stellt sie als sinnvoll für alle da – auch wenn diese Gesellschaft nur wenigen Menschen ein gutes Leben beschert.</p>
<p>Denn so ganz überspitzt ist es natürlich nicht: die Menschen sehen ja, dass sie betrogen werden. Man braucht nur in die Zeitungen zu schauen und von Hungersnöten, Umweltkatastrophen, Armut und Finanzkrisen zu lesen. Oder man sieht es an sich selbst und in seinem Umfeld: gestresste und deprimierte Menschen, die einem Glück nachjagen, was ihnen versprochen wird, welches aber nie eintrifft. Welzer bringt dies schön auf den Punkt, wenn er zu Recht daran erinnert, dass früher die Arbeiterinnen und Arbeiter <em>„mit Gewalt, also mit Knebel und Peitsche, dazu angehalten wurden, ihre 12 Stunden in der Fabrik zu verbringen“</em>, während heutzutage der 8-Stunden-Tag zur <em>„scheinbar natürlichen und selbstverständlichen Norm geworden“</em> ist. Nicht umsonst titelten im Bundestagswahlkampf alle Parteien von CDU bis Grüne mit Plakaten a la „Mehr Jobs“ schaffen. Früher wäre dieses <em>„libinöse“</em> Verhältnis zur Arbeit den Menschen <em>„ziemlich pervers vorgekommen“</em>. Dass die Menschen betrogen werden liegt also auf der Hand, aber sie verstehen nicht warum und erkennen nicht, dass die Menschen selbst diese Verhältnisse hervor gebracht haben.</p>
<p>Für mich ergeben sich daher einige Schlussfolgerungen. Es kommt mir so vor, als sei die Wachstumsdebatte eine Scheindebatte. Nämlich dahingehend, dass das eigentliche Problem bzw. Wort nicht ausgesprochen wird: Kapitalismus. Das Wachstumsparadigma ist Teil der Strukturprinzipien des Kapitalismus, beides lässt sich nicht getrennt voneinander diskutieren. Jedes politische Projekt, was von sich behauptet etwas Wahres sagen zu wollen, muss sich mit diesen Prinzipien konfrontieren und sie reflektieren.</p>
<p>Weiterhin zeigt die Analyse von Welzer doch, dass die derzeitige politische Form am Kern des Ganzen vorbeigeht. Politische Veränderung muss auf zwei Ebenen ansetzen: bei der Veränderung der Gesellschaft und der Revolutionierung des Subjekts. Es reicht nicht aus mit staatstragenden Projekten nach vorne zu schreiten und zu hoffen die Menschen würden einfach mit machen. Wenn das Wachstumsparadigma so tief in jedem von uns verankert ist, dann löst eine Veränderung dieses Paradigmas automatisch Protest aus. Egal welche politische Partei man da herausgreifen würde, jede Politik dieser Parteien verharrt doch derzeit darauf grundlegende Probleme nicht anzusprechen. Parteipolitik ist zu mindestens zurzeit darauf fixiert die Macht im Staat und den Staat selbst zu verändern – nicht mehr, nicht weniger. Die Analyse der mentalen Infrastrukturen verweist darauf, dass Macht immer dann am stärksten ist, wenn sie unsichtbar funktioniert. Der Kapitalismus und das Wachstumsparadigma treten den Subjekten nicht vollkommen offensichtlich gegenüber, sondern der Kapitalismus schafft einen Zustand in dem die Subjekte fest davon überzeugt sind, dass das was sie denken und tun schon richtig sei.</p>
<p>Und nicht zuletzt resultiert dies daraus, dass in der Wachstumsdebatte ein grenzenloser Katastrophismus herrscht. Es wird gesagt, dass unsere Welt kurz vor dem Ende stehe, die ökologische Katastrophe dränge dazu schnell zu handeln und nicht das grundsätzliche Problem der Gesellschaft zu verändern. Dies stimmt ja auch im Kern, der Klimawandel wird ungeheure ökologische und soziale Folgen haben. Aber eines hat der Kapitalismus doch gezeigt: er ist extrem anpassungsfähig. Also keine Sorge, die Welt geht schon nicht unter. Ein grüner Kapitalismus könnte wahrscheinlich einen Teil der ökologischen Probleme bearbeiten, aber: auf Kosten dessen, dass mit den grundlegenden Strukturprinzipien Profitorientierung und Wachstum – in welcher Form auch immer &#8211; nicht gebrochen würde. Und man könnte sich auch fragen, ob ein ökologischer Kapitalismus nicht gerade die globale Ungerechtigkeit stabilisieren würde, ja müsste um überlebensfähig zu bleiben. Das Beschwören von Katastrophen hat noch nie politisches Handeln bestärkt, sondern gelähmt, weil diese Haltung zu einer Ausblendung der wirklichen Konflikte führt.</p>
<p>Denken wir Welzers Vorstellung einer Gesellschaft nach dem Wachstum also weiter als „Idee einer künftigen Gesellschaft als der Gemeinschaft freier Menschen, wie sie bei den vorhandenen technischen Mitteln möglich ist, ein Gehalt, dem bei allen Veränderungen die Treue zu wahren ist“ (Max Horkheimer).</p>
<p><strong> Maximilian Pichl </strong>studiert Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften in Frankfurt am Main und ist dort Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Bis zu seinem Austritt im Jahr 2010, war er aktiv in der GRÜNEN JUGEND, u.a. im Bundesvorstand. Derzeit engagiert er sich im Arbeitskreis kritischer Jurist_innen und ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung.</p>
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		<item>
		<title>Hannes Böhm: Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!</title>
		<link>http://wachstum.boellblog.org/2011/05/17/hannes-boehm-boell-wachstum/</link>
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		<pubDate>Tue, 17 May 2011 23:03:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Enquete]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[VWL]]></category>
		<category><![CDATA[Zweifel]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bin VWL-Student. VWL, das steht für Volkswirtschaftslehre. Doch ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht mehr um das „Volk“ geht. Noch niemand konnte mir eigentlich erklären, was das Volk überhaupt will. Bei VWL kann das aber berechnet werden: „Zeigen Sie anhand eines Diagramms für den Arbeitsmarkt, wie sich die Einführung von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/hannesBoehm.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-71" style="margin-right: 7px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/hannesBoehm-300x225.jpg" alt="Hannes Böhm" width="168" height="126" /></a></em></p>
<p>Ich bin VWL-Student. VWL, das steht für Volkswirtschaftslehre. Doch  ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht mehr um das „Volk“  geht. Noch niemand konnte mir eigentlich erklären, was das Volk  überhaupt will. Bei VWL kann das aber berechnet werden:</p>
<p><em>„Zeigen Sie anhand eines Diagramms für den Arbeitsmarkt, wie sich die Einführung von einem gesetzlich fixierten Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, auf die Beschäftigung auswirkt.“</em></p>
<p><em> </em>Griff zum Geodreieck. Beschäftigung als x-Achse zeichnen, Lohnsatz als y. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage treffen sich ohne Mindestlohn bei etwa 6€.  Jetzt der Mindestlohn. Durch einen höheren Lohnsatz liegt jetzt mehr Arbeitsnachfrage als Arbeitsangebot vor. Die Arbeitslosigkeit steigt. <span id="more-69"></span></p>
<p>Knapp 50 StudentInnen sitzen in einem VWL-Tutorium und bereiten sich mit Fragen über Angebot &amp; Nachfrage, Mindestlöhne und verschiedenen Arten von Arbeitslosigkeit auf die kommende Prüfung vor. Lektion für heute: Mindestlöhne sind „marktwidrig“ und führen zu einer sogenannten „Mindestlohnarbeitslosigkeit“. Eine Aufgabe zuvor wurde in Teil a) festgehalten, dass die Monopolstellung eines Unternehmens den Wettbewerb der Branche lahm legt. MonopolistInnen haben keinen Anreiz mehr zu Forschen und ihre Produkte zu verbessern, worunter die VerbraucherInnen leiden. Darüber hinaus kann der/die MonopolistIn seine Preise fast nach Belieben festlegen. Ebenfalls zum Leidwesen der VerbraucherInnen. In Aufgabenteil b) stellen wir fest, dass MonopolistInnen immer einen größeren Gewinn erzielen als Unternehmen im Wettbewerb. Daher besteht für jedes Unternehmen der Anreiz ein Monopolist zu werden. Knapp 50 StudentInnen schreiben eifrig mit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das Bruttoinlandsprodukt – Wege in die Abhängigkeit</strong></p>
<p>Schon im ersten Semester Volkswirtschaftslehre merkt man, dass sich eigentlich fast alles um das „BIP“ dreht. Das Bruttoinlandsprodukt. Dies setzt sich aus der Summe der Güter und Dienstleistungen zusammen, welche eine Volkswirtschaft produziert hat. Ein alleiniger Maßstab. Mathematisch berechenbar, in seiner nahezu buchhalterischen Eigenschaft, alles Produzierte, jede Schraube mit samt seiner Mutter und dem Schweiß der durch die Arbeit an ihnen klebt, zusammenzufassen und zu berechnen.</p>
<p>Doch kennt man nicht auch abseits der akademischen Theorie den Wert und insbesondere die psychologische Bedeutung des BIP? Wenn der oder die Nachrichtensprecher/In berichtet, dass das BIP 2010 mal wieder 3% höher war als das BIP 2009? Das Gefühl zufriedener Gelassenheit, die Einsicht, dass Politik doch zu etwas Nütze ist und das Bewusstsein, der Nährboden unseres Wohlstandes, hat durch den BIP-Anstieg eine frische Düngung erfahren?</p>
<p>Es sind vor allem die mentalen Infrastrukturen in der Bevölkerung, welche nur eine Straße kennen, nämlich BIP rauf oder BIP runter.</p>
<p>Solange noch der Wohlstand noch sichtbar stieg, aus dem einem Auto in der Garage plötzlich zwei wurden und der Urlaub in Italien gerne auch 3 Wochen dauern durfte, verleitete das gleichzeitige Wachsen des BIPs, zu einer trügerischen Kohärenz mit Lebensqualität. Erst als sich die Löhne ab den 90ern kaum noch real bewegten und auf das zweite Auto kein drittes mehr folgte, setzte resignierte Stimmung ein. Dennoch klammert sich gerade die jetzige Regierung verbissen ans BIP. „Investitionen für mehr Wachstum“ gehört zu den verbalen Allzweckwaffen von Angela Merkel.</p>
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<p><strong>Rettung durch die Enquete?</strong></p>
<p>Was kann die Enquetekommission tun? Der wohl einfachste aber wichtigste Grundsatz, der herrschen sollte ist: Menschen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse und verhalten sich allzu häufig irrational. Sie denken nicht nur an sich selbst und folgen nicht immer dem gewinnbringendsten Weg.</p>
<p>Spätestens nach dem ersten Monat meines Studiums habe ich aufgehört das Wort „Gewinnmaximierung“ zu hinterfragen. Es kam so oft vor, dass man, um im Wirtschaftsjargon zu bleiben, von einer galoppierenden Inflation sprechen kann. Mal ist es Unternehmen X, mal Privatperson Y, die ihren Gewinn maximieren und den Einsatz ihrer Rohstoffe am effizientesten gestalten wollen. Für den/die StudentIn heißt es: nicht weiter nachdenken, Funktion ableiten, gleich Null setzen, Maximum suchen. Am Ende erhalten wir eine Zahl, die – wenn sie richtig ist – die Seele aller WirtschaftswissenschaftlerInnen streichelt. Mission erfüllt, Gewinn maximiert. Als würde man uns eine Leine mit einer Karotte daran vor die Nase halten und wir müssten, schon rein instinktiv und in Fleisch und Blut übergehend, der Karotte nachjagen – selbst wenn diese über dem nächsten Abgrund hängt.</p>
<p>Ein neuer Index muss darüber hinausgehen und den Anspruch haben, gesamtgesellschaftliche Prozesse ausgeglichen zu berücksichtigen. Umweltbelastung oder Lebenserwartungen sind nur zwei Beispiele für Messzahlen, die man einer bestimmten Gesellschaft zu Grunde legen kann. Doch ein zukunftsweisender Index braucht mehr als das. Bildungschancen, neue Technologien, Integration, Ressourcenschonung und vieles mehr müssen mit einfließen, in ihrer heutigen Form, aber vor allem auch mit Blick auf die Zukunft.</p>
<p>Zu guter Letzt muss der Index, so wie der Mensch auch, mit Fehlern rechnen können. Wobei Fehler nicht einmal das Wort der Wahl ist. „Irrationalität“ träfe es besser. Wahlen nach Bauchgefühlt anstatt nach Inhalten, oder die Tendenz, in Umfragen sozial verträglicher zu Antworten als man es in der Praxis ist, sind nur zu gute Beispiele für unsere Unausgewogenheit, unsere instinktive Wahrnehmung, die zwar nicht richtig sein muss, aber doch menschlich ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>All diese Vorhaben sind keinesfalls leicht zu verwirklichen. Es gibt keine Formel für Glück oder Zufriedenheit – wohl aber statistische Belege für das, was den Menschen gesellschaftspolitisch am wichtigsten ist. Hinzu muss die Einsicht dafür kommen, was das BIP nie geschafft hat. Die Tatsache zu berücksichtigen, dass wir nur einen Planeten zur Verfügung haben. Unendliches Wachsen verträgt sich nicht mit einer endlich-belastbaren Welt.</p>
<p>Es ist schwierig. Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit kann ich nicht so schön auf einer Achse wiedergeben, wie Preis und Menge. Mit Preis auf der einen und abgesetzter Menge auf der anderen Seite, wurden mir zwei einfache Werkzeuge in die Hand gedrückt um „Märkte zu analysieren“. Wer dann beschlossen hat, dass sich daraus unser Wohlbefinden ableitet, und wer es so akzeptiert hat, ist mir zumindest im heutigen Jahr 2011 unverständlich.</p>
<p>Womit auch wieder die Enquete Kommission bereits zu Beginn den wohl gravierendsten Fehler begangen hat: die Experten der Kommission setzten sich aus zwei Dritteln aus Ökonomen zusammen. Es sind jene Menschen, die unter dem trügerischen Wasser des Wirtschaftswachstums getauft, und anschließend mit den Schwertern der Gewinnmaximierung und Kostenminimierung bewaffnet wurden. Sicherlich ist es falsch sämtliche WirtschaftswissenschaftlerInnen in einen Topf zu werfen und ihnen den fehlenden Blick für das Wesentliche zu unterstellen. Ich persönlich weiß es ja auch nicht besser. Doch waren es Ökonomen, die Mexiko im Jahre 1993 glänzende wirtschaftliche Prognosen in Aussicht stellten – bis 1995 der „Mexican-Bail-Out“ kam. Es waren Ökonomen die 1995 die asiatischen Tigerstaaten feierten – bis diese sich 1997 völlig überschuldeten. 1999 waren es die Dotcom-ManagerInnen, denen man auf den wirtschaftlichen Pilgerstätten wie in Davos, den Hof machte – allerdings nur bis dich gleichnamige Dotcom-Blase im Jahr 2000 platzte. Wirtschaftsprognosen gleichen häufig  einem Kuriositätenkabinett mit Zusagen die etwa so qualitativ sind, wie die der Wahrsagerin aus dem Mittelalter. Wurde der einen jedoch fairerweise fauler Zauber unterstellt, tanzen bei den Rufen der WirtschaftswissenschaftlerInnen die Milliarden. „Der wichtigste Gebrauchsgegenstand, den ich kenne, ist die Information“, sagt man sich an der Wall Street. Nicht das Resultat. Um das zu unterstreichen, verkündete Bill Gates im Jahr 2004 feierlich, dass in zwei Jahren das Spam-Problem gelöst sein wird. Wie gut das geklappt hat, bemerken wir, wenn wir in unser Postfach blicken. Der Aktie von Microsoft wird es nicht geschadet haben.</p>
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<p><strong>Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!</strong></p>
<p>Wir müssen den Denkprozess durch die Kommission dazu nutzen, auch in anderen Bereichen unsere Anschauung auf unsere Wirtschafts- und Produktionsweise zu hinterfragen. Und wie diese gelehrt wird. Wir dürfen nicht länger sagen: „Mindestlohn schlecht, weil Diagramm sagt, Arbeitsnachfrage niedriger.“ Nähern wir uns der Sache doch etwas klüger. Zum Beispiel wie eine kürzlich erschienene, umfangreiche Studie der US-Universität Berkeley. Die Studie räumt mit dem Dogma der deutschen Wirtschaftsforschung, Mindestlöhne zerstören Arbeitsplätze auf, und untersuchte dabei wirtschaftlich vergleichbare Regionen mit unterschiedlichen Mindestlöhnen und die dabei langfristig auftretenden Wirkungen für die Bevölkerung. Das Resultat: in Regionen mit höheren Mindestlöhnen blieben angebliche Entlassungswellen aus. Zudem stieg das Einkommen der Bevölkerung spürbar und kurbelte die Binnennachfrage an.</p>
<p>Machen wir uns also stark für eine neue Form des Wirtschaftens: in ihrer Ermessung, in ihrer Art und Weise und in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hannes Böhm </strong>ist 21 und studiert im zweiten Semester Volkswirtschaftslehre an der Uni Münster. Nebenbei engagiert er sich in der Grünen Jugend und koordiniert dort das Fachforum Wirtschaft und Soziales.</p>
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		<title>Hannah Hüdepohl: Wachstum als Lebensprinzip?</title>
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		<pubDate>Wed, 11 May 2011 20:16:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Oft musste ich während des Lesens ungläubig schmunzeln über den fehlenden Realitätsbezug des Individuums in Raum und Zeit. Wie selbstverständlich all die Dinge hingenommen werden, die vor drei Generationen noch gar nicht denkbar waren. Schaue ich mir Fotos von Städten am Anfang des 20. Jahrhunderts an, frage ich mich immer, was mir dort so fremd [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/huedepohl_portraet.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-63" style="margin-left: 7px;margin-right: 7px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/huedepohl_portraet-278x300.jpg" alt="Hannah Hüdepohl" width="155" height="168" /></a></p>
<p>Oft musste ich während des Lesens ungläubig schmunzeln über den fehlenden Realitätsbezug des Individuums in Raum und Zeit. Wie selbstverständlich all die Dinge hingenommen werden, die vor drei Generationen noch gar nicht denkbar waren. Schaue ich mir Fotos von Städten am Anfang des 20. Jahrhunderts an, frage ich mich immer, was mir dort so fremd erscheint? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Es gab mehr Platz auf den Straßen, weil die parkenden Autos fehlten!</p>
<p>Widersprüche des Wachstumsgedankens zeigen sich in allen Regionen der Welt, sei es durch leer stehende Hotelburgen an der spanischen Küste, den Transport von Hühnerbeinen aus Deutschland nach Kamerun oder die langwierigen Versuche das Loch im Golf von Mexiko zu stopfen. Der/Die BürgerIn kommt nicht umhin diese Nachrichten wahrzunehmen und geht dennoch Kaffee mit einem Schuss Karamellsirup trinken. Ist der intensive Geschmack einer sanft gerösteten Kaffeebohne nicht gut genug?<span id="more-62"></span></p>
<p>Auch ich kann mich diesem normierten Ablauf nicht entziehen. Ich studiere, wie die Gesellschaft es mir als Akademiker-Kind vorgibt, und probiere darauf zu achten, die Regelstudienzeit nicht zu sehr zu überziehen, gehe ins Ausland mit dem Hintergedanken, dass Auslandserfahrungen im Lebenslauf heute fast Pflicht sind, und bringe den genügenden Selbstzwang auf, um dies alles zu bewältigen. Ist jeder Mensch ehrlich zu sich, wird er/sie ähnliche Motive für sein Handeln finden. „<em>Die Mentalität</em> <em>des  niemals fertigen, eines immer wachsenden Menschen“</em>, bestimmt auch meine Lebensplanung. Ich kann mir nicht vorstellen, einmal etwas gefunden zu haben, dass ich bis zu meinem Lebensabend machen möchte. Meine Realität als Bewohnerin der westlichen Welt bietet mir ein breites Spektrum an theoretischen und praktischen Fähigkeiten, die ich erlernen kann und ich nutze dieses Angebot natürlich, so wie viele Menschen in meiner Umgebung. An dem Wachstum der persönlichen Fähigkeiten habe ich auch grundsätzlich nichts auszusetzen. Die erlernten Fähigkeiten bleiben mir, sollte ich alles andere verlieren. Wo ist also der Haken an der Internalisierung des Wachstumsgedankens?</p>
<p>Auch wenn für mich die Erweiterung meiner Fähigkeiten positiv scheint, so ist die Kehrseite das wachsende Bedürfnis nach Rohstoffen. Für viele Tätigkeiten im heutigen Alltag, über die allgemein Erfahrungsreichtum definiert wird, ist ein hohes Energieniveau unerlässlich. Motorcross, saunen, Urlaub, feiern, Fallschirmspringen… diese Liste ließe sich beliebig weiterführen. Um diese freizeitlichen Tätigkeiten ausführen zu können, werden Energie und Konsumgüter benötigt und vor allen Dingen immer mehr davon! Die Art der persönlichen Entwicklung braucht das ständige Wachstum der Möglichkeiten der zu konsumierenden Güter und deren technische Optimierung. Die Grundfunktion eines Gegenstandes ist heute nicht mehr ausreichend und die technischen Entwicklungsabteilungen der Forschung erzeugen ständig neuen Bedarf durch Innovation und Variation. So wird der Gewinn an Lebenserfahrung oft auf die materielle Ebene degradiert und ist eng mit dem wirtschaftlichen Wachstum verbunden. Wir als Konsumenten werden nicht satt und lassen uns durch das große Angebot verleiten. Das hohe Maß an materiellem Besitz und die Vielfalt der Entfaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft lasten auf dem menschlichen Gemüt. So viele Menschen wie nie zuvor irren orientierungslos herum. Wie viele junge Menschen waren schon mit psychischen Erkrankungen in Therapie? Der Blick aufs Wesentliche ist verschwommen. Die Reizüberflutung beginnt im Supermarkt und führt sich in allen Lebensbereichen fort. Wir könnten dieser Spirale weiter folgen, wären da nicht die Rohstoffknappheit, die begrenzte Schadstoffaufnahmekapazität der Umwelt und die Milliarden Menschen, die unter unserem Lebensstil hungern. Die Unverhältnismäßigkeiten unseres Systems werden von vielen jungen Menschen an einzelnen Fallbeispielen erkannt; der Gesamtkontext bleibt jedoch meist unangetastet. Wie soll der Durchschnittsmensch (ich schließe mich hier mit ein) die Komplexität der Wechselwirkungen auch verstehen? Und das auch noch, wenn die negativen Auswirkungen im Westen nur subtil spürbar sind und nicht direkt erfahren werden, sondern Geschichten aus den Nachrichten bleiben. Den eigenen Lebensstil mit dem Leiden vieler anderer Menschen direkt in Verbindung zu bringen, ist eine Herausforderung, die Reflexion und Einsicht erfordert. Die größeren Zusammenhänge dahinter zu begreifen ist beunruhigend und flößt Angst ein. An diesem Punkt blocken viele Menschen spätestens ab, weil sie erahnen, dass weiteres Hinterfragen ihr gesamtes Lebenskonzept über Bord werfen würde und begnügen sich damit, ab und zu mal eine Bio-Milch fürs gute Gewissen zu kaufen. Der große Fehler an dieser Reaktion liegt darin, dass die zukünftigen Veränderungen aufgrund der gegebenen Herausforderungen meistens mit Verzicht in Verbindung gebracht werden. Stattdessen sollten wir uns fragen auf was wir, indem wir den Systemparametern folgen, alles verzichten: Lebenszeit, Ruhe, Gesundheit, Genügsamkeit, Anerkennung und Gemeinschaft?</p>
<p>Meine Generation darf die vorgegebenen Umstände nicht weiterführen, wenn die Menschheit überleben will. Wir müssen die Bedürfnisse des Menschen überdenken. Warum sollten es dieselben sein, wie die der vorigen Generationen? Vor dem Hintergrund der äußeren Systemgrenzen kann sich jede/r folgende Fragen stellen:</p>
<p>Was macht mich glücklich? Wie will ich leben? Was liegt in meiner Entscheidungsfreiheit? Wie sind meine Bedürfnisse und welche definiere ich nur vermeintlich als meine, weil sie mir von der Gesellschaft so vorgelebt werden? Was brauche ich wirklich? Was möchte ich erlernen? Welche Fähigkeiten sind sinnvoll? Welche Werte möchte ich vertreten?</p>
<p>Keine einfachen Fragen vor allen Dingen mit dem Gedanken, dass viele der Gewohnheiten in westlichen Industrieländern nicht  überlebensfähig sind, da wir uns zu weit von den Grundlagen des Lebens entfernt haben. An den jüngsten Protestbewegungen gegen Stuttgart 21, Atomkraft und die Naziblockaden zeigt sich die steigende Bereitschaft gegen bestimmte Auswirkungen des Wachstumsglaubens zu demonstrieren. Durch das große bürgerliche Interesse entstehen neue Kollektiv-Erlebnisse in der Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich verbunden, gemeinschaftliches Miteinander wird geübt und viele Menschen schaffen neue Plattformen zum Austausch über Ideen, Träume und Kritik. Das so geschaffene Zugehörigkeitsgefühl überwindet kurzzeitig die Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber der Wirtschaft und Politik. Das darunterliegende Problem, die Art des Wirtschaftens, wird kaum thematisiert. Zwar wird in studentischen und intellektuellen Kreisen am Kapitalismus Kritik geübt, doch wird dies von der Öffentlichkeit allzu oft als radikal abgestempelt. Die negative Konnotation der Radikalität behindert die intensive Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Kapitalismuskritik. Hier sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass radikal von dem lateinischen Wort radix stammt, und übersetzt so viel wie „etwas an der Wurzel packen“ bedeutet. Und genau das ist die Aufgabe meiner Generation.</p>
<p>Um diese Aufgabe zu bewältigen brauchen wir neue gemeinschaftliche Visionen und Träume, die uns  Möglichkeiten der Identifikation jenseits des materiellen Wachstums aufzeigen. Die Ansätze können, wie immer in einer individualisierten Gesellschaft, vielfältig sein. Ich zum Beispiel träume von einer autofreien Stadt, in der die Straßen aufgebrochen wurden und statt stinkenden und lauten Fahrzeugen, Fahrräder zwischen Obstbäumen und Beerensträuchern passieren. Ich träume von einer Welt in der Kindererziehung als Aufgabe der Gemeinschaft angesehen wird und die Menschen nur noch halbtags arbeiten, um mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben.</p>
<p>Wir sollten positiv in die Zukunft schauen, auch wenn es vermeintlich schwer erscheint. Sich ins Bewusstsein rufen, dass die kommenden Veränderungen nicht nur materiellen Verlust bedeuten müssen, sondern auch einen Gewinn an mentaler Lebensqualität beinhalten können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hannah Hüdepohl</strong> ist Studentin der Umweltingenieurwissenschaften in Kassel, um die &#8220;technischen Errungenschaften&#8221;, die unsere Lebensgrundlage zerstören, näher kennenzulernen und Alternativen zu finden. Während ihrer  Freiwilligenarbeit in Bolivien, wurde ihr endgültig klar, dass es für das Überleben der Menschheit unabdingbar ist, die Lebensweise zu verändern.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>David Rinnert: (Selbst-)Zweifel eines Studenten</title>
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		<pubDate>Mon, 09 May 2011 09:13:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[“[D]as Selbst wird zu einer kontinuierlichen Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen (&#8230;). Jede Station in der Gegenwart ist immer schon putative Durchgangsstation für etwas, was danach kommt. In der Gegenwart ist man daher nicht da, sondern nur auf der Durchreise.” Während ich diese Zeilen aus Harald Welzers Essay lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/David_Rinnert_1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-49" style="margin-left: 5px;margin-right: 5px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/David_Rinnert_1.jpg" alt="David Rinnert" width="147" height="164" /></a></p>
<p><em>“</em><em>[D]as Selbst wird zu einer kontinuierlichen Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen (&#8230;). </em><em>Jede Station in der Gegenwart ist immer schon putative Durchgangsstation für etwas, was danach kommt. In der Gegenwart ist man daher nicht da, sondern nur auf der Durchreise.”</em></p>
<p>Während ich diese Zeilen aus Harald Welzers Essay lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Schon zu Beginn des Aufsatzes fühle ich mich direkt angesprochen, sogar ertappt. Viele Bilder aus dem Essay kenne ich aus meinem eigenen Leben, obwohl ich doch eigentlich ein wachstumskritischer Mensch bin, jemand der für eine postkarbone Gesellschaft eintritt. Bin ich doch, oder?!<span id="more-48"></span> Beim Lesen sitze ich im frühlingshaften Garten einer sogenannten „Eliteuniversität” im Pariser Zentrum. Allerdings bin ich nicht wirklich hier, viel eher bin ich nur auf „<em>der Durchreise</em>”, wie Welzer sagen würde. Dies ist bereits mein zweites Auslandssemester im Studium und ich denke daran ob ich wohl selbst bald einer dieser „<em>Laptopmänner mit Selbstausbeutungsfetischismen</em>“ werde&#8230; Oder bin ich es ungewollt schon?</p>
<p>In meiner Generation, Jahrgang 1985-1990, wird in letzter Zeit oft über alternative Gesellschaftsmodelle diskutiert.  Wachstumskritik gehört insbesondere unter (linken) Studenten der Sozialwissenschaften oder der Philosophie zu einem salonfähigen Gesprächsthema. Viele Freunde von mir, die in aller Welt studieren oder Praktika absolvieren, wählen grün und wollen später am Liebsten mal „irgendwas in der Entwicklungszusammenarbeit“ machen. Da kann man dann „für etwas Gutes“ arbeiten und fernab vom heimischen Dauerstress den Wandel im Kleinen unterstützen. Aber selbst wer heute einen solchen Job anstrebt, muss sich zunächst für viele Jahre in die sogenannte Lebenslaufgesellschaft eingliedern, die Welzer in seinem Essay kritisiert. „Du willst etwas verändern, etwas bewirken, Zivilgesellschaft fördern und so? Da musst du aber mindestens zwei, drei Praktika gemacht haben, außerdem wäre ein Auslandssemester nicht schlecht, denn die Konkurrenz bei den Bewerbern ist im Moment leider ziemlich groß!“ Kommt meine Generation noch an diesen Ausuferungen vorbei? Hat das Wachstum, das nach Welzer in „<em>unsere Seelen</em>“ kam auch diesen noch nie zuvor dagewesenen Wettbewerb in Ausbildung und Arbeitsleben verursacht?</p>
<p>Ich beobachte einige Studenten um mich herum, die im Schatten einer Kastanie hektisch ihre Automatenkaffees austrinken und dabei energisch auf Laptoptastaturen einhämmern. Die Lebensläufe und Biographien dieser jungen Menschen haben sich wahrlich „<em> flexibilisiert und globalisiert“</em>. Dabei habe ich dass Gefühl, dass viele Studenten meiner Generation ihre Ausbildung tatsächlich nur noch als „<em>permanente[s] Projekt der Selbstoptimierung in Anpassung an sich beständig verändernde Bedingungen und Anforderungen der Arbeitswelt” </em>sehen. Vor diesem Hintergrund frage ich mich, wie sehr meine Gegenwart schon geschrumpft ist; wie viel Prozent von mir eigentlich schon in der Zukunft leben. Und vor allem denke ich darüber nach, was der eigentliche Selbstzweck einer solch aufopfernden Biographie-Optimierung ist. Macht es überhaupt Sinn, im jungen Alter bereits einen großen Teil an Freiheit und Lebensfreude durch <em>„Selbstzwang</em>“ zu Gunsten eines möglichst perfektionierten Werdegangs aufzugeben?</p>
<p>Ein deutscher Kommilitone setzt sich neben mich auf die Bank. Er schreibt gerade Bewerbungen für ein halbjähriges Praktikum in Kenia, letztes Jahr hat er in Mexiko studiert bevor er dann zum Master nach Paris kam. Auch er will etwas verändern, beschäftigt sich insbesondere mit Klimaschutz. Aber er ist ebenso der Meinung, dass man sich zunächst einmal im wachstumsorientierten Bildungssystem integrieren muss wenn man danach tatsächlich etwas verändern will in der Gesellschaft. Dies wirft allerdings die Frage auf, ob man sich nicht selbst auf dem Weg dahin schon zu stark verändert; sich zu sehr an den allgemein „gültigen“ Rhythmus anpasst um danach wirklich noch für ein Post-Wachstumsmodell eintreten zu können. Sind der Fokus auf Effizienzsteigerung, der immerwährende Traum vom „mehr“, also die zentralen Pfeiler der Wachstumsidee nach Schulzeit, fünf Jahren Studium und etlichen Praktika nicht schon in die tiefsten Ecken der eigenen „Seele“ vorgedrungen? Und vor allem: Reproduzieren die „Eliten“ unserer Generation somit nicht die mentale Dimension des Wachstums immerfort?</p>
<p>Im Garten der Pariser „Eliteuniversität“ geht langsam die Sonne unter. Mein Kommilitone ist inzwischen in der Bibliothek verschwunden, noch immer sitzen viele französische und internationale Studenten um mich herum und arbeiten unermüdlich weiter. Stellen sich diese jungen Menschen überhaupt jene Fragen zum Wachstum, die sich aus Welzers Essay ergeben? Seit der Wirtschaftskrise, die für viele noch immer ein abstraktes Gebilde darstellt, setzen sich Jugendliche und Studenten intensiver mit wirtschaftlichen Grundideen unserer Gesellschaft auseinander. Während einige meiner Freunde überzeugt bleiben von der Notwendigkeit und der Unumgänglichkeit des Wachstums, unter anderem weil „das Streben nach mehr ja nun mal in der Natur des Menschen“ liege, werden andere junge Menschen zunehmend kritischer. Laut einer Emnid-Umfrage von Juli 2010 wollen knapp 90% der Deutschen eine neue Wirtschaftsordnung, bei der Umweltschutz, sorgsamer Umgang mit Ressourcen und sozialer Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigt werden. Gleichzeitig denken jedoch fast 50% der 19- bis 29 Jährigen, dass mit einem höheren Wirtschaftswachstum auch die eigene Lebensqualität steigt. Dieser Widerspruch bestätigt Welzers Argument, dass man zur Veränderung der mentalen Infrastruktur „<em>die Praxis selbst verändern</em>“ muss, „<em>die eben das Bewusstsein so nachhaltig und tief prägt</em>“. Doch wie kann man diesen „ewigen Teufelskreis“ durchbrechen? Wo muss unsere Generation ansetzen, um eben nicht mehr fortwährend als Reproduzent des alten Modells zu agieren?</p>
<p>Einen simplen Lösungsansatz dafür gibt es natürlich nicht und auch Welzer kann in seinem Essay nur mit allgemeinen Ratschlägen dienen. Er hat sicher Recht, dass man zum Durchbrechen der Denkstrukturen im Kleinen anfangen muss etwas zu verändern; gezielt Projekte unterstützen sollte und erst dadurch eigene Abhängigkeiten von alten Gewohnheiten ablegen kann. Doch während Welzer fordert, dass „<em>die Zukunft wieder eine Kategorie des Politischen</em>“ werden müsse, übersieht er, dass dies in unserer Generation bereits geschieht. Eine wachsende Anzahl Jugendlicher führt heutzutage einen Diskurs um unsere Zukunft und ist bereit, alte Handlungsmuster verändern. Trotz all den oben aufgeführten Problemen und Herausforderungen fangen dabei immer mehr junge Mitmenschen an, auch zu handeln. Dies zeigt sich sogar an der erwähnten Pariser „Eliteuniversität“: in den letzten zwei Jahren haben hier mehr als 200 Studenten ein Projekt zur Unterstützung regionaler Landwirtschaft entwickelt, in dessen Rahmen Bauern aus der Pariser Umgebung jede Woche frisches Obst und Gemüse an die Universität bringen. Kleinen Projekten wie diesen mag zwar, wie Welzer schreibt, „<em>im Augenblick noch die Qualität der Gegengeschichte</em>“ fehlen; und wenn 200 Studenten saisongerecht einkaufen retten sie damit weder die Welt noch stellen sie ihr Lebensmodell grundlegend auf den Kopf. Doch sie machen mit der Umsetzung solch kleiner Ideen ein Umdenken im Großen überhaupt erst möglich.</p>
<p>Am Ende bleiben dennoch viele Fragen offen &#8211; die Debatte steht erst an ihrem Anfang. Als Kinder unserer Zeit sind wir in einer wachstumsorientierten Gesellschaft aufgewachsen, haben häufig von ihr profitiert und gehen oft mit ihr mit. Wie können wir trotzdem jene von Welzer genannten <em>„neuen Leitvorstellungen</em>“ etablieren, die über bloße Vorstellungen hinausgehen? Wie können wir schließlich kleine Veränderungen in große Projekte umwandeln und trotz den genannten Widersprüchen jenes weitreichende <em>„zivilgesellschaftliche Projekt“ </em>entwickeln, das Welzer fordert?</p>
<p><strong>David Rinnert</strong> studiert im MA Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und ist momentan für ein Auslandssemester in Paris. Neben dem Studium versucht er zum Beispiel, ab und an dem &#8220;permanenten Projekt der Selbstoptimierung&#8221; zu entfliehen. Auf weitere Lebenslaufdaten will er daher an dieser Stelle nicht eingehen.</p>
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		<title>Gesine Agena: Wir sind doch die, von denen ihr „die Erde nur geborgt“ habt!</title>
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		<pubDate>Fri, 06 May 2011 20:35:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Koessler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist kein Wunder, dass der Wachstumswahn nicht nur das wirtschaftliche Denken und fast alle politischen Parteiprogramme durchzieht, sondern sich ebenfalls als Paradigma in unserem Denken festgesetzt hat. Schon von Beginn an werden wir mit ihm erzogen und wachsen in einer Gesellschaft auf, in der immer noch das Motto „höher, schneller, weiter“ gilt. Die Verwertungslogik [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-medium wp-image-28" style="margin: 6px" src="http://wachstum.boellblog.org/files/2011/05/Demo_GesineAgena-300x168.jpg" alt="Sprecherin der GRÜNEN JUGEND" width="198" height="111" /></p>
<p>Es ist kein Wunder, dass der Wachstumswahn nicht nur das wirtschaftliche Denken und fast alle politischen Parteiprogramme durchzieht, sondern sich ebenfalls als Paradigma in unserem Denken festgesetzt hat. Schon von Beginn an werden wir mit ihm erzogen und wachsen in einer Gesellschaft auf, in der immer noch das Motto „höher, schneller, weiter“ gilt. Die Verwertungslogik ist allgegenwertig, ganz egal, ob man sich die Schulen oder die Universitäten anschaut. Überall werden Jugendliche dazu angehalten, sich möglichst schnell bestimmtes Wissen anzueignen, das für Unternehmen und das Bruttoinlandsprodukt von Bedeutung ist. Erwartet wird, früh in die Schule zu kommen, nach 12 Jahren Abitur machen, im Bachelor-Master-System innerhalb der Regelstudienzeit die nötigen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess">Creditpoints</a> zu sammeln, um dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Gerade für uns als junge Generation ist der Text von Harald Welzer demnach <span id="more-27"></span>eine Beschreibung der Gesellschaft, die wir sehr gut kennen. Immer mehr Studierende werden psychisch krank, weil sie unter dem ungeheuren Druck des Leistungsdenkens unserer Gesellschaft, der sich ebenfalls im Bildungssystem äußert, leiden.</p>
<p>Aus einer anderen Perspektive betrachtet, sind wir jedoch noch viel betroffener von dem, was Welzer als Wachstumsdruck beschreibt: Wir sind doch die Generation, von der die Grünen <a href="http://www.dhm.de/sammlungen/plakate/pli02940.html">einst sagten</a>, sie haben sich die Erde „nur geborgt“. Wir werden weiter leben müssen mit den Folgen des Klimawandels und den Zerstörungen der Umwelt und dem Verlust der Biodiversität. Und diese resultieren aus dem Wachstumszwang der kapitalistischen Logik. Diese Logik hat schwerwiegende ökologische Konsequenzen, denn dem Prinzip der Gewinnmaximierung ist egal, wie viel Regenwald gerodet wird, wie viele Emissionen von Kohlekraftwerken ausgestoßen werden und welche Rohstoffe verschwinden. Nun könnte man anführen, dass natürlich auch in kommunistischen Systemen der Klima- und Umweltschutz keine besonders herausragende Rolle gespielt hat. Richtig, aber der Wachstumszwang als Kernelement des Kapitalismus hat in den Ländern des globalen Nordens das Klima derartig angeheizt, dass jeder Fingerzeig auf andere Systeme ein Witz geworden ist.</p>
<p>Der Wachstumszwang hat jedoch nicht nur ökologische Konsequenzen, sondern auch soziale; auf nationaler sowie auf internationaler Ebene. Auch wenn soziologisch nicht mehr von Klassen, sondern von Schichten gesprochen wird, bleibt der Sachverhalt der Ungerechtigkeit bestehen. Auf der einen Seite werden immer mehr Menschen gezwungen, zu menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten. Auf der anderen Seite sehen wir in Fortschritt und Wachstum die Zaubermedizin gegen Ungerechtigkeit in der Welt. Doch auch nach der Finanzkrise, welche eine Unmenge an Vermögen zerstörte, zeigt sich, dass wenige Menschen den größten Teil des Vermögens und der Einkommen besitzen, während ein größer werdender Teil der Gesellschaft in Armut lebt. Die Medizin hat eben auch die Nebenwirkung, dass die Schere zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden immer weiter aufgeht. So leben wir auf Kosten der Menschen, die am Wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, die ihn aber am Stärksten zu spüren bekommen.</p>
<p>All diese Folgen der Wachstumslogik werden wir als junge Generation besonders stark zu spüren bekommen. Als politische Jugendorganisation versucht die <a href="http://www.gruene-jugend.de/">Grüne Jugend</a> seit einiger Zeit eine Antwort auf all diese Probleme zu finden. Noch ist dies nicht ausreichend gelungen, denn es ist schwierig den Weg hin zur Postwachstumsökonomie zu beschreiben, ohne dabei in eine Ökodiktatur zu verfallen oder die vielen Zweifel an der Wachstumskritik zu widerlegen.</p>
<p>Ein zweiter Grund kommt hinzu: „<em>Wege aus dem Wachstum und Strategien hin zur postcarbonen Gesellschaft werden vorwiegend auf technologischer und ordnungs- und anreizpolitischer Ebene gesucht; Lebenswelt und Mentalitäten tauchen als Variablen in den technoiden Szenarien der „Dritten Industriellen Revolution“ nicht auf</em>“ schreibt Harald Welzer in seinem Essay. Dieser Satz drückt aus, dass es nicht einfach ist, die Wachstumslogik aus der Gesellschaft zu verbannen, ohne zuvor das Wachstum als mentale Infrastruktur überwunden zu haben. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen – als politische Organisation und als Gesellschaft.</p>
<p>Welzer ist mit seinem Text insofern hochaktuell und eine Bereicherung zur Wachstumsdebatte, die schon seit über 30 Jahren geführt wird. Der einzige Punkt, in dem ich ihm widerspreche, ist die Kritik an der sozialen Flexibilisierung. Die Gesellschaft ändert und wandelt sich. Zwischenmenschliche Beziehungen sind heutzutage nicht mehr ein fester und unveränderbarer Zustand, sondern Teil der Wandlung und der Individualisierung der Gesellschaft selbst. Ich persönlich halte das für einen Gewinn im Sinne des liberalen Grundgedankens. Es gibt viel zu kritisieren an der postmodernen Gesellschaft, in der wir leben: Die Schnelllebigkeit, der Konsumismus zu Lasten der Umwelt oder der Egoismus, der sich gerade bei einem Großteil auf der Gewinnerseite des ungezügelten Kapitalismus ausgebildet hat. Entschleunigung, Selbstreflexion und soziale Gerechtigkeit könnten darauf die richtigen Antworten sein. Aber Individualisierung hat auch positive Seiten und trägt nicht nur zum Wachstumswahn bei.</p>
<p>Die Aufgaben, die die Gesellschaft zu bewältigen hat, sind groß. Denn es ist nicht einfach, das Wachstumsparadigma zu überwinden. Aber die Chancen bestehen: Schaffen wir es, die mentalen und politischen Infrastrukturen für eine Gesellschaft und eine Wirtschaft ohne Wachstum zu reorganisieren? Dann würden wir damit in einer Zivilisation leben, welche die ökologischen und sozialen Probleme global bewältigt – weil sie entschleunigt ist! Das alles ist politisch durch das Mittel der Umverteilung zu organisieren: Umverteilung von Reich nach Arm, Umverteilung von unökologisch zu erneuerbar, Umverteilung von Nord nach Süd, das ist für uns als Grüne Jugend der Weg zu mehr Gerechtigkeit – zwischen den Regionen, Klassen und Generationen. Das wäre sicherlich ein Gewinn für das Individuum <em>und</em> die Umwelt.</p>
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<p><strong>Gesine </strong>ist 23 und seit 2009 Sprecherin des GRÜNE JUGEND Bundesverbandes. Sie studiert in Potsdam Politikwissenschaften und lebte in ihrer Kindheit auf einem Bio-Bauernhof an der Nordsee.</p>
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