Gesellschaft « Wie das Wachstum in unser Denken kam

Artikel getagged mit ‘Gesellschaft’

Mareike R.: Die Transformation vor meinem Fenster

14. Juni 2011, von Georg Koessler,

Nun, ich schau die ganze Welt mit meinen eigenen Augen an!

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Stadt …. „Nein!“ schreit das Mädchen mit dem knall blau-gepunkteten Shirt, „Ich bin jetzt dran“. Direkt vor meinen Füßen spielen Kinder Hüpfekästchen, alte Frauen schauen ihnen zu und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Blick schweift nach links, ein junger Mann gräbt mit einer Schaufel seinen Garten um, er pfeift: „Ich war noch niemals in New York, Ich war noch niemals auf Hawaii…“. Seit kurzem verkauft er sein selbst-angebautes Gemüse. Von links dringt Saxophonmusik an meine Ohren, dass vor ein paar Jahren stillgelegte Schwimmbad füllt sich mit neuem Leben, der junge Musiker aus Amsterdam probt für seinen Auftritt. Paula eine junge Ingenieurin werkelt an ihren energieeffizienten Dämmstoffen.

Doch was ist dass? (more…)

Max Pichl: Die Revolutionierung des Subjekts

24. Mai 2011, von Georg Koessler,

Maximilian PichlDer Beitrag „Mentale Infrastrukturen“ von Harald Welzer liefert eine ungewöhnlich innovative Perspektive auf die laufende Wachstumsdebatte. Der politische und mediale Mainstream diskutiert die Frage des Wachstums praktisch ausschließlich auf einer technischen Ebene, sprich: welche Technologien müssen eingesetzt werden, um die Energieerzeugung nachhaltiger zu gestalten; wie muss die Politik sich verändern, um das Ziel einer postcarbonen Gesellschaft zu erreichen usw. Welzer wendet sich direkt den Subjekten zu. „Nichts ist niemals fertig, die Arbeit hört niemals auf“ – dieser Satz aus Welzers Essay scheint paradigmatisch für die kapitalistische Gesellschaft zu sein. Kein Wunder, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in der Vergangenheit immer wieder im Zuge von Streiks die Stechuhren zerstörten, sozusagen das Symbol der Kontrolle in der kapitalistischen Produktionsweise. Welzers Essay scheint eine übergeordnete Fragestellung zu beschäftigen: warum vollziehen sich politische Veränderungen in der aktuellen Gesellschaftsformation so schleppend langsam oder kommen erst gar nicht zur Entfaltung? Warum halten die Menschen scheinbar freiwillig an einem offensichtlich gescheiterten Wachstumsparadigma fest? (more…)

Hannes Böhm: Weg mit „wachsen“, her mit Mensch sein!

17. Mai 2011, von Georg Koessler,

Hannes Böhm

Ich bin VWL-Student. VWL, das steht für Volkswirtschaftslehre. Doch ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht mehr um das „Volk“ geht. Noch niemand konnte mir eigentlich erklären, was das Volk überhaupt will. Bei VWL kann das aber berechnet werden:

„Zeigen Sie anhand eines Diagramms für den Arbeitsmarkt, wie sich die Einführung von einem gesetzlich fixierten Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, auf die Beschäftigung auswirkt.“

Griff zum Geodreieck. Beschäftigung als x-Achse zeichnen, Lohnsatz als y. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage treffen sich ohne Mindestlohn bei etwa 6€.  Jetzt der Mindestlohn. Durch einen höheren Lohnsatz liegt jetzt mehr Arbeitsnachfrage als Arbeitsangebot vor. Die Arbeitslosigkeit steigt.  (more…)

David Rinnert: (Selbst-)Zweifel eines Studenten

9. Mai 2011, von Georg Koessler,

David Rinnert

[D]as Selbst wird zu einer kontinuierlichen Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen (…). Jede Station in der Gegenwart ist immer schon putative Durchgangsstation für etwas, was danach kommt. In der Gegenwart ist man daher nicht da, sondern nur auf der Durchreise.”

Während ich diese Zeilen aus Harald Welzers Essay lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Schon zu Beginn des Aufsatzes fühle ich mich direkt angesprochen, sogar ertappt. Viele Bilder aus dem Essay kenne ich aus meinem eigenen Leben, obwohl ich doch eigentlich ein wachstumskritischer Mensch bin, jemand der für eine postkarbone Gesellschaft eintritt. Bin ich doch, oder?! (more…)

Gesine Agena: Wir sind doch die, von denen ihr „die Erde nur geborgt“ habt!

6. Mai 2011, von Georg Koessler,

Sprecherin der GRÜNEN JUGEND

Es ist kein Wunder, dass der Wachstumswahn nicht nur das wirtschaftliche Denken und fast alle politischen Parteiprogramme durchzieht, sondern sich ebenfalls als Paradigma in unserem Denken festgesetzt hat. Schon von Beginn an werden wir mit ihm erzogen und wachsen in einer Gesellschaft auf, in der immer noch das Motto „höher, schneller, weiter“ gilt. Die Verwertungslogik ist allgegenwertig, ganz egal, ob man sich die Schulen oder die Universitäten anschaut. Überall werden Jugendliche dazu angehalten, sich möglichst schnell bestimmtes Wissen anzueignen, das für Unternehmen und das Bruttoinlandsprodukt von Bedeutung ist. Erwartet wird, früh in die Schule zu kommen, nach 12 Jahren Abitur machen, im Bachelor-Master-System innerhalb der Regelstudienzeit die nötigen Creditpoints zu sammeln, um dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Gerade für uns als junge Generation ist der Text von Harald Welzer demnach (more…)

Publikation

Die Beiträge in diesem Debattenblog beziehen sich auf das Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.“ von Harald Welzer. Wir wollen mit diesem Blog über die Analysen und Ideen des Essays diskutieren und dabei junge Menschen zu Wort kommen lassen. Alle Leser/innen sind aber dazu eingeladen, unsere Gastbeiträge zu kommentieren und zu verlinken. Der Essay kann hier bestellt oder runtergeladen werden.

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Kunst für das „gute Leben“

Mentale Infrastrukturen

Unter „mentalen Infrastrukturen“ versteht Harald Welzer Denkparadigmen, welche geprägte sind durch Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Beispielsweise das „Shoppen“ als Vergnügen zu sehen oder den Anspruch an sich selbst, einen guten Lebenslauf zu haben. Diese Infrastrukturen sind vor Allem von den spezifischen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen in einer Gesellschaft abhängig und lassen sich sehr schwer verändern. Menschen werden mit diesen Leitvorstellungen geboren: Fortschritt, Freiheit, Wohlstand – und eben Wachstum